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Gesellschaft

Grenzen abbauen per Hosenlupf

Im Rahmen der Heks-Kampagne «Farbe bekennen für eine menschliche Schweiz» zeigt Schwingerkönig Ernst Schläpfer Flüchtlingen, wie Schwingen geht. Ein Experiment im Sägemehl, das Schweiss treibt und Brücken schlägt.

Rohoullah aus Afghanistan schwitzt aus allen Poren. Mühsam rappelt er sich auf. Gerade hat ihn der Gegner mit einem Griff ins Sägemehl geworfen. Schwer atmend stehen sich die Männer erneut gegenüber, bevor sie sich an den groben Schwingerhosen packen. «Drehen und nicht lupfen» ruft Trainer Ernst Schläpfer. Diesmal schafft es Rohoullah, der Gegner kracht zu Boden. Beim Aufstehen wischen sich die beiden Männer das Sägemehl aus den Augen und reichen sich kameradschaftlich die Hände.

Jodeln, Alphorn und Fahnenschwingen
Sechs Männer im Alter zwischen 16 und 30 Jahren trainieren an diesem Abend im Schaffhauser Schwingkeller mit Ernst Schläpfer. Unter ihnen zwei Asylbewerber, die über die Heks-Kampagne «Farbe bekennen für eine menschliche Schweiz» den Weg in den Keller gefunden haben. Die Kampagne bietet Flüchtlingen die Möglichkeit, in Workshops die Schweizer Traditionen kennenzulernen. Es gibt Jodeln mit der Volksmusikerin Barbara Berger, Fahnenschwingen beim Bernisch Kantonalen Jodelverband, Alphornspielen mit Eliana Burki und Schwingen mit Ernst Schläpfer.

Sport als Integrationshilfe
Der Schwingerkönig sieht in der Kampagne eine gute Möglichkeit zur Integration. «Wir haben die Pflicht, die Leute, die in unser Land geflüchtet sind und höchstwahrscheinlich bleiben werden, so gut wie möglich in unsere Gesellschaft einzubeziehen». Sport sei eine der besten Integrationshilfen, gerade für junge Menschen. «Sie können sich in den Vereinen austoben und lernen, sich an klare Regeln zu halten, die nicht hinterfragt werden. Sie lernen, nach der Niederlage wieder aufzustehen, am Ball zu bleiben und pünktlich zu sein», sagt Ernst Schläpfer.

Auf Tuchfühlung gehen
Das Schwingen sei ein harter Sport, der einiges abverlange. «Ich beobachte viele junge Männer, die nicht durchhalten», sagt Ernst Schläpfer. Wer schwinge, baue seine Berührungsängste ab. «Die Gegner gehen auf Tuchfühlung. Im Training bringt man den anderen geführt zu Boden. Und am Ende müssen sich alle das Sägemehl vom Körper duschen, da gibt es keine Unterschiede.» Und die Wettkämpfe seien ein gesellschaftlicher Anlass. «Ein Schwingfest ist ein Ort des geselligen Beisammenseins», sagt Schläpfer. «Da bleibt niemand ausgeschlossen.»

«Unsere Kultur anbieten»
Inzwischen steigen die Besucherzahlen bei den Schwingfesten. Schweizerinnen und Schweizer zeigen vermehrt Interesse an den folkloristischen Traditionen. Diese seien auch wichtig für die Fremden. «Wir haben mit der Integration nur dann Erfolg, wenn wir den Ausländern auch unsere Kultur anbieten, die wir bejahen», ist Schläpfer überzeugt. Das Interesse müsse gegenseitig sein, genau wie die Offenheit für andere.

Darum geht es auch Andrea Oertli, Koordinatorin des Projektes bei Heks. «Wir möchten mit dieser Kampagne eine menschliche Schweiz mit ihrer Tradition ins Zentrum stellen, die nicht ausschliesst.» Heks habe gute Rückmeldungen von den Teilnehmenden der Workshops erhalten, gerade auch vom Schwingen. «Die Asylbewerber sind bereit, sich auf den Körperkontakt einzulassen und an ihre Grenzen zu gehen», sagt die Projektkoordinatorin. Beim Sport spiele die Herkunft bald keine Rolle mehr. «Sprachbarrieren treten in den Hintergrund. Das Eis wird von Training zu Training mehr gebrochen», so Andrea Oertli.

Martin Landolt beim Schwingen
Natürlich gebe es viele Einheimische, die wenig Zugang zu Schweizer Traditionen haben. Deshalb bezieht Heks auch Landsleute in die Kampagne mit ein. So hat sich zum Beispiel Nationalrat Martin Landolt zum ersten Mal in seinem Leben auf einen Schwingplatz gewagt. «Es war interessant zu beobachten, wie sich Schweizer und Flüchtlinge gemeinsam an die Schweizer Tradition herantasten.»

Ob jemand mit Schwingen, Jodeln oder Fahnenschwingen weitermacht, ist meist unklar. Darauf komme es nicht an. «Nur schon das Erlebnis kann Flüchtlinge wie Schweizer ermuntern, weitere Begegnungen zu wagen. Das ist ein wichtiges Ziel der Kampagne», sagt Andrea Oertli.

Schwitzen und Lachen
Rohoullah und Abdivahim gefällt das Training im Sägemehl. Auch wenn sie es sehr anstrengend finden, wie sie sagen. Lachend wischen sie sich den Schweiss und das Sägemehl aus dem Gesicht. Beiden ist das Schwingen nicht fremd. Sie kennen ähnliche Kampfsportarten aus ihrer Heimat. Für den Afghanen und den Somalier geht es nicht nur um den Sport. «Es ist gut, Kontakte zu knüpfen und Leute kennenzulernen», sagen sie.

Schwingen vor dem Bundeshaus
Zum Abschluss der Kampagne findet am Weltflüchtlingstag vom 17. Juni ein Aktionstag auf dem Bundesplatz in Bern statt. Dort zeigen die Teilnehmenden der verschiedenen Disziplinen ihr Können. Abdivahim wird als Schwinger dabei sein. Er freut sich schon jetzt auf seinen Auftritt vor dem Bundeshaus. www.engagiert.jetzt

Adriana Schneider / Kirchenbote / 16. Juni 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».