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Kirche

«Grüezi Berlin» – Die Schweizer Präsidentin des Deutschen Kirchentags

Die Schweizer Theologin Christina Aus der Au präsidierte den Deutschen Evangelischen Kirchentag zum 500-Jahr-Jubiläum in Berlin und Wittenberg. Während fünf Tagen absolvierte sie einen Termin-Marathon und traf Barack Obama und Angela Merkel.

An Auffahrt war es so weit. Barack Obama trat mit Angela Merkel beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin vor dem Brandenburger Tor auf. Mit der Zusage des ehemaligen US-Präsidenten landeten die Organisatoren einen Coup. Er sitze hier neben dem einst mächtigsten Mann der Welt, hob Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, vor 70 000 Zuschauern an. «Neben Ihnen sitze erst mal ich», unterbrach ihn Bundeskanzlerin Angela Merkel, die mächtigste Frau der Welt. Richtig, denn neben dem einst mächtigsten Mann der Welt sass Christina Aus der Au, Präsidentin des Kirchentags, in Luzern geboren, die heute im beschaulichen Thurgau lebt.

Die Schweizerin präsidierte den Evangelischen Kirchentag zum Reformationsjubiläum, der Mitte Mai in Berlin und Wittenberg stattfand. Den Anlass besuchten über 100 000 Dauergäste und bis zu 40 000 Tagesbesucher aus der ganzen Welt. Die fünf Tage waren ein Megaevent mit rund 2500 Veranstaltungen, 30 000 Mitwirkenden und einem Budget von 22 Millionen Euro.

Mammutprogramm
Im Van raste Christina Aus der Au quer durch die Stadt von Termin zu Termin, koordiniert und abgeschirmt von ihren Assistentinnen. Die Präsidentin moderierte Veranstaltungen, begrüsste die Besucher, sass auf Podien, stand den Journalisten Red und Antwort, feierte Gottesdienste, hielt Vorträge und besuchte die Parteizentralen der CDU und SP.

In einem Moment diskutierte sie mit Prominenz aus Politik, Kirche und Kultur, im nächsten plauderte sie mit einer Seniorengruppe aus Mecklenburg. Aus der Au wirkte nie aufgesetzt oder nervös. Im Gegenteil: Als sie am Eröffnungsgottesdienst vor dem geschichtsträchtigen Berliner Reichstag den 40 000 Anwesenden zurief «Es ist so schön, dass Sie alle da sind», glaubte man ihr, dass sie sich freute.

«Schmetterlinge im Bauch»
Die Welt kam nach Berlin. Und Christina Aus der Au empfing sie so, als käme sie zu ihr in den heimischen Garten in Frauenfeld. Herzlich und ungekünstelt. Sie habe «Schmetterlinge im Bauch», bekannte sie an der Pressekonferenz zur Eröffnung. Dass sie diese Freude mit einem Ausdruck fürs Verliebtsein beschrieb, passte. Kirchentag ist für die Schweizerin eine Herzensangelegenheit, seit sie diesen vor zehn Jahren in Köln entdeckte. Das Präsidium ist ein Ehrenamt. «Das ist ein so tolles Erlebnis, ich würde sogar dafür bezahlen», gestand Aus der Au am Abend nach dem Auftritt mit Obama auf dem «Roten Sofa» der Kirchenpresse.

Dort erzählte sie, wie sie das Gespräch mit Obama und Merkel erlebt hatte: «Beide sind aus ihrem Glauben heraus aktiv in der Weltgestaltung.» Und sie stünden dazu, dass sie Fehler machen und nicht alles erreichen, was sie wollten. «Aber ist es nicht besser, sich einzusetzen, als aus Angst, zu scheitern, nichts zu tun?», fragte Aus der Au in die Runde.

Auf der Bühne hatte sie den US-Präsidenten gefragt, ob er nicht die Gefahr sehe, dass es zu viel Religion im politischen Diskurs gebe. Das Problem sei nicht, dass es zu viel Religion gebe, antwortete Obama, sondern dass man in einer Demokratie kompromissbereit sein müsse. Es werde jedoch gefährlich, «wenn wir die Kompromisslosigkeit, die wir im Glauben zeigen, in die Politik tragen». Für seinen persönlichen Glauben finde es Obama hilfreich, «ein wenig zu zweifeln».

Von Märstetten nach Oxford
Wer ist die Frau, die in Berlin die Fäden zog? Christina Aus der Au kam in Luzern zur Welt, wuchs in Märstetten TG auf und lebt heute in Frauenfeld. Sie studierte im Tübingen Philosophie und Rhetorik und später in Zürich Theologie. Ihre Habilitation schrieb sie am Ian Ramsey Center im englischen Oxford zum «Menschenbild in den Neurowissenschaften». Heute doziert sie an der Universität Basel über Systematische Theologie und ist Geschäftsführerin am Zürcher Zentrum für Kirchenentwicklung. Und sie ist Mutter einer Tochter. Auf den Bühnen trat die 51-Jährige unschweizerisch offen und sprachgewandt auf. Sie wünsche sich für den Kirchentag, dass «Menschen über Religions-, Konfessions-, Weltanschauungs- und Sprachgrenzen hinaus zusammen feiern», sagte sie.

Dialog mit Kanten
Gemeinsam, zusammen, Minderheiten nicht ausschliessen, da ist Aus der Au ganz helvetisch. Sie betonte immer wieder, dass «man zusammen reden müsse». Die Kritik, dass «heisse Debatten» an den letzten Kirchentagen selten geworden seien, konterte sie: «Ist eine Debatte erst richtig kontrovers, wenn faule Eier fliegen? Sind das die Debatten, wo man einander zuhört?»

«Kante zeigen» sei aber trotzdem notwendig, so die Präsidentin. Etwa beim Gespräch mit Anette Schultner, Bundessprecherin von Christen in der AfD, die am Kirchentag zu Gast war. Vielen ging dieser Auftritt zu weit, sie waren gegen die Einladung einer Vertreterin der rechten Partei. Christina Aus der Aus aber meinte: «Ich bin stolz darauf, dass wir diese Veranstaltung möglich machen konnten und noch stolzer darauf, wie sie dann vonstattengegangen ist.» Ohne dass faule Eier flogen.

Europäischer Kirchentag
Auf dem «Roten Sofa
» blickte die Theologin auch bereits wieder in die Zukunft: Sie seien daran, einen europäischen Kirchentag auf die Beine zu stellen, verriet sie. Es gehe darum, wie man das europäische Zivilbewusstsein stärken und «Europa eine Seele geben» könne. Die Schweizer seien als Veranstalter nicht uninteressiert, so Christina Aus der Au. «Ich würde das gerne sehen. Ich finde, das täte uns Schweizern gut.»

Und wie geht es Christina Aus der Au jetzt, einen Monat später? «Es war ein wunderbarer Kirchentag», sagt sie. «Und nein, ich bin nicht in ein grosses Loch gefallen, wie ich oft gefragt werde, sondern freue mich über das, was war, über die Türen, die sich geöffnet haben – und auf den nächsten Kirchentag in Dortmund 2019.»

Karin Müller, 29. Juni 2017