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Politik

Ohne Sicherheit keine Rückkehr

Vor kurzem eroberte die irakische Armee den grössten Teil von Mosul. Friede werde noch lange nicht einkehren, befürchtet John Eibner von Christian Solidarity International. Gerade für Minderheiten sei die Sicherheit nicht garantiert.

Ende Juni eroberte das irakische Militär die zerstörte Moschee von Al-Nuri in Mosul. Die irakische Regierung rief das Ende des Kalifats des IS aus. John Eibner zeigt sich skeptisch. «Eine Schlacht ist gewonnen, der Krieg geht weiter», meint der Nahost-Verantwortliche der christlichen Menschenrechtsorganisation «Christian Solidarity International».
Viele IS-Kämpfer seien geflohen, um an einer anderen Front weiterzuagieren. Junge Muslime aus Mosul schätzten gegenüber Eibner, dass rund zehn Prozent der Bevölkerung der Zweimillionenstadt Mosul nach wie vor mit dem IS sympathisierten.

Schon vor der Eroberung durch den IS konnte die Regierung in Mosul die Sicherheit nicht garantieren. Tagsüber beherrschten die Regierungstruppen die Strassen, nachts die Terrormilizen. Die Armee habe die Infrastruktur des IS zerstört, aber sie könne das politische Vakuum nicht ausfüllen. Im Moment seien die Menschen kriegsmüde. «Die Konflikte bestehen aber langfristig weiter. Die sunnitische Bevölkerung wird die schiitische Armee nicht akzeptieren. Und die schiitische Regierung wird ihre Macht nicht mit den Sunniten teilen», sagt Eibner.

Verwaiste christliche Dörfer und Städte

John Eibner ist gerade von einer Reise aus Mosul und Umgebung zurückgekehrt, wo er sich eine Übersicht über die Situation verschafft und Hilfsgüter an die notleidende Bevölkerung verteilt hatte. Die Nahrungsmittel hatte CSI in Kurdistan gekauft. In Mosul gebe es kaum noch Christen. Auch die christlichen Städte und Dörfer in der Umgebung seien vielfach verwaist. Die meisten Christen seien in die kurdischen Gebiete oder ins Ausland geflohen. Nur einzelne kommen aus Kurdistan zurück, um nach ihrem Heim oder ihren Geschäften zu schauen. Eibner glaubt nicht an die definitive Rückkehr der Christen, solange ihre Sicherheit nicht garantiert ist.

 «Wie Schafe ohne ihren Hirten»

Viele vertriebene Christen lebten heute in Kurdistan in kleinen Mietwohnungen und Baracken, die von den Kirchen organisiert wurden. Für die Vertriebenen und die Christen, die in ihre Dörfer um Mosul herum zurückgekehrt sind, haben die Kirchen die Aufgaben der lokalen Behörden übernommen, nachdem diese zusammengebrochen sind. In den Camps der UNO lebten keine christlichen Familien, sie hätten kein Vertrauen, dass sie hier sicher sind. Ohne die kirchlichen Infrastrukturen wären die Christen in einer gravierenden Situation. So, wie beispielsweise die Jesiden und andere Minderheiten, die vor dem IS flohen. «Ohne die Kirchen wären die Christen wie Schafe ohne ihren Hirten», meint John Eibner.

Keine Garantie für Sicherheit

Die Schlüsselfrage nach dem Frieden im Nahen Osten, entscheide sich an der Sicherheit für die Bevölkerung, sagt John Eibner «Erst wenn diese garantiert ist, wächst das Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung.» Im Moment sei der Staat – ob es nun die irakische Zentralregierung in Bagdad sei oder die Kurdische Regionalregierung – nicht willens oder nicht in der Lage, die Minderheiten zu schützen. Der Irak zerfalle in einzelne Regionen, die von lokalen Machthabern beherrscht werden. Aus diesen Spannungen wachse schon der nächste Konflikt.

Für den Amerika-Schweizer Eibner ist es fatal, wie die Grossmächte im Nahen Osten versagt haben. Unter dem Deckmantel der Menschenrechte versuchten sie militärisch und mit anderen Zwangsmitteln ihre wirtschaftlichen und machtpolitischen Ansprüche durchzusetzen. Eibner spricht von «Neoimperialismus», in dem die Grossmächte keine Verantwortung für ihre Aussenpolitik übernehmen würden und die Länder destabilisierten.

 «Stop Arming Terrorists»

Gravierend findet Eibner auch die Waffenlieferungen der USA in den Nahen Osten . Vor kurzem weilte er in Washington und führte mit US-Politikern Gespräche. Mit den Waffenlieferungen an die Saudis, die Türkei und andere unterstütze Washington schlussendlich indirekt die Dschihadisten, welche die Region terrorisieren und später im Westen zuschlagen. «Das geschah in den 80-er Jahren, als die USA in Afghanistan die Mudschaheddins mit Waffen gegen die UdSSR aufrüstete», so Eibner. «Aus diesen Gruppierungen wuchs später die al-Quaida.» John Eibner hofft, dass der Vorstoss «Stop Arming Terrorist» (Stoppt die Bewaffnung der Terroristen») im Kongress und im Weissen Haus die Unterstützung findet.

Tilmann Zuber, kirchebote-online

Dieser Beitrag stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.» und «Interkantonaler Kirchenbote»