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Kirche

«Einkaufszettel statt Bibeltext im Kopf»

Die Sihlcity-Kirche in Zürich schliesst ihre Tore. Warum Spiritualität im Einkaufszentrum nicht funktioniert, erklärt der christkatholische Präsident der Aufsichtskommission, Urs Stolz, der das ökumenische Prestigeprojekt mitinitiiert hat.

Sale, sale, sale! Im Einkaufszentrum Sihl-City sind an diesem Mittag Hunderte auf Schnäppchenjagd. Es herrscht emsiger Betrieb, in den Läden und in den umliegenden Restaurants. Nur die Wenigsten nehmen wahr, dass es unmittelbar neben der lauten Mall auch einen Ort der Stille gibt: Die Sihlcity-Kirche.

Auf der Eingangstüre sind die Symbole der Weltreligionen angebracht. Hier sind alle willkommen, egal welcher Religion oder Konfession sie angehören. Davon zeugen auch die Gebetsteppiche, die in einer Ecke stehen. Der kleine Raum strahlt mit der grossen Glaskomposition vom Luzerner-Künstler Hans Erni etwas Sakrales aus. Hier kann man Innehalten, den Gedanken nachhängen, eine Kerze anzünden oder beten. Für Gespräche ist während der Öffnungszeiten stets eine Seelsorgeperson anwesend.

Keine Frage des Geldes

Doch mit dem kirchlichen Angebot der Ruhe ist es schon bald vorbei: Ende April 2019 schliesst die Sihlcity-Kirche ihre Tore. In seiner jüngsten Mitteilung schreibt der reformierte Stadtverband: «Die ökumenische Trägerschaft der reformierten, katholischen und christkatholischen Kirche in Zürich entschied sich für die Kündigung des Mietvertrags auf Ende März 2020.»

Was ist schief gelaufen? Vor zehn Jahren erst wurde die Sihlcity-Kirche als ökumenisches Prestigeprojekt der urbanen Kirche eröffnet. Urs Stolz, Präsident der Aufsichtskommission der Sihlcity-Kirche, sagt auf Anfrage: «Der Grund für das Aus ist mangelndes Interesse.» Schlicht zu wenige Leute hätten das Angebot genutzt. Er betont: «Es war keine finanzielle Entscheidung.»

Dabei war man zu Beginn richtig euphorisch. Eine Kirche, die zu den Leuten kommt. Stolz erinnert sich: «Wir waren Pioniere. Wir dachten, dass es neben dem Shoppen und Flanieren auch ein Bedürfnis nach geistiger Nahrung gibt.» Doch: «Die Leute haben ihren Einkaufszettel im Kopf – da hat es keinen Platz für einen Bibeltext.» Von den wenigen, die regelmässig vorbeikommen, sind die meisten psychisch angeschlagen. «Sie suchen psychologische Beratung und sehen das Angebot als eine Art Therapie an. Es geht nicht primär um die Bibel.»

Ganz anders am Flughafen oder im Hauptbahnhof: «Dort müssen die Leute warten und nehmen sich Zeit. Sie zünden in der Kirche vielleicht eine Kerze an und beten dafür, wieder sicher zu landen.» Auch das Personal nutze dort das seelsorgerische Angebot rege. Nicht wie die Angestellten der Läden im Sihlcity. Bei ihnen herrsche eine grosse Fluktuation: «Sie haben kein spirituelles Bedürfnis vor Ort.»

Keine Entlassungen

Auch die Statistik spricht eine deutliche Sprache: Rund 1000 Gespräche führten die drei Pfarrpersonen der reformierten, katholischen und christkatholischen Kirche im Jahr. Das entspricht etwa drei Einsätzen am Tag. Anfänglich teilten sie sich 260 Stellenprozent; heute nur noch 140.

Zu Kündigungen kommt es aber trotz der Schliessung nicht: Der reformierte Seelsorger wird pensioniert und für die beiden anderen konnte bereits eine gute Lösung gefunden werden. Was mit dem Raum nach Abzug der Kirche passiert, ist derzeit noch unklar. Sicher ist: Das schmucke Erni-Fenster zügelt mit: Es war eine Leihgabe der katholischen Kirche.

Sandra Hohendahl-Tesch, reformiert.info

Dieser Beitrag stammt aus der Online-Kooperation von «refomiert.» und dem «Interkantonalen Kirchenboten».