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Kirche

«Die Aussenseiterrolle hat die Katholiken geprägt»

Im reformierten Zürich hat sich die katholische Kirche anders entwickelt als dort, wo sie Mehrheitskonfession war. An der ersten «Zürcher Disputation» diskutierten Vertreter der beiden Kirchen die gemeinsame Zukunft in einer säkularen Gesellschaft.

«Das Reformationsjubiläum soll nicht einfach ein Fest der Reformierten sein, sondern auch ein ökumenischer Brückenschlag», erklärte Grossmünsterpfarrer und Reformationsbotschafter Christoph Sigrist zu Beginn der Veranstaltung im Pfarreizentrum Liebfrauen. Er lud die rund achtzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein, wie zu Zwinglis Zeiten lustvoll zu disputieren und dabei «die Fetzen fliegen zu lassen».

Fetzen flogen keine. Doch es wurden durchaus nicht nur über die Gemeinsamkeiten der beiden Konfessionen gesprochen, sondern auch über das, was sie trennt. Generalvikar Josef Annen erzählte zum Beispiel, wie er neu als Pfarrer in Winterthur vom reformierten Kollegen in die Stadtkirche eingeladen worden war und dieser betonte, wie froh er sei, dass in seiner Kirche kein Kreuz hänge. «Zurück in meiner Kirche dachte ich als Erstes, wie froh ich bin über das grosse Kreuz, das mir entgegenleuchtete».

Weihnachten und Pfingsten

«Die katholische Kirche denkt von Weihnachten und der Menschwerdung Jesu her, die reformierte von der Himmelfahrt und der Geistsendung», fuhr Annen fort. Für die Reformierten sei Jesus bei Gott und nicht mehr leibhaft bei den Menschen, während er für die Katholiken durch die Sakramente leibhaft da sei. «Weihnachten ist ja auch ein sehr viel erfolgreicheres Fest als Pfingsten» kommentierte Kirchenratspräsident Michel Müller mit Blick auf die katholische Weltkirche. Doch in Bezug auf die Menschwerdung widersprach er: Die Menschwerdung sei in der reformierten Kirche zentral: «Wir konzentrieren uns ganz auf die Welt, der Glaube passiert hier auf Erden, gute Taten machen wir nicht für Gott und den Himmel, sondern für die Menschen».

Dogmen oder Bilder

Irene Gysel , die sich jahrelang in der ökumenischen Frauenbewegung engagierte, sieht die Trennlinien nicht in der Konfessionszugehörigkeit, sondern im Umgang mit Dogmen. Auch in vielen evangelischen Kreisen glaube man an die Leibhaftigkeit des auferstandenen Jesus: «Und es gibt zahlreiche Katholikinnen und Katholiken, die solche Glaubenssätze wie ich als Bilder verstehen, deren heutige Bedeutung es neu zu entdecken gilt.» Barbara Schmid Federer ortete weitere Gräben, die für sie wichtiger sind als konfessionelle Unterschiede: «Im Umgang mit Flüchtlingen zum Beispiel gibt es unabhängig von der Konfession zwei entgegengesetzte Lager.»

Sonderfall Zürich

Die Aussenseiterrolle hat der katholischen Kirche im Kanton Zürich eine eigene Prägung gegeben, darin war sich die Runde einig. Nüchterner als anderswo ist hier der Katholizismus, demokratischer und widerständiger gegenüber der Kirchenhierarchie. «Zwei Drittel der Ehen im Kanton sind gemischtkonfessionell», erklärte Annen. Vor Jahren wollte darum die ökumenische Frauenbewegung eine Doppelmitgliedschaft lancieren. Die Idee sei an den fehlenden Unterschriften gescheitert, erzählte Gysel. Der Tenor lautete: «Wir machen sowieso schon bei beiden Kirchen mit». Der Sonderfall Zürich blitzte auch auf, als sich die Diskussion um die Stellung der Frauen in den beiden Kirche drehte und Annen ganz selbstverständlich sagte: «Wären wir nicht Teil der katholischen Weltkirche, würden wir in Zürich schon lange Frauen ordinieren.»

Gegenseitiger Einfluss

Zwei Voten aus dem Publikum brachten die Wechselwirkung zwischen der reformierten Mehrheit und der ehemaligen katholischen Minderheit auf den Punkt. Er erlebe die katholische Kirche im Kanton Zürich als sehr reformiert, sagte ein Teilnehmer. «Eigentlich müsste man in Zürich von katholisch-reformiert sprechen», meinte er und verwies auf die «zwinglianische» Kirchenordnung der Zürcher Katholiken: Die Reformierten seien viel katholischer geworden, entgegnete ein anderer Teilnehmer und verwies auf die Fenster von Chagall und Polke-im Fraumünster und Grossmünster. «Wenn katholischer sinnlicher und volkstümlicher bedeutet, dann sind wir Reformierten dies tatsächlich geworden», kommentierte Kirchenratspräsident Müller und erinnerte daran, dass noch vor fünfzehn Jahren das Aufstellen einer Kerze in reformierten Kirchen zu heftigen Diskussionen führte.

Neue Landschaft

Für Reformierte wie Katholiken gilt heute: Sie müssen sich neu orientieren in einer zunehmend säkularen Gesellschaft. Annen sieht «im nachkonfessionellen Zeitalter» eine Herausforderung, die nur gemeinsam angegangen werden könne. Und Müller betonte: «Wir können jetzt von den Katholiken lernen». Als «Eingeborenenreligion» fehle es den Zürcher Reformierten an Vorbildern für den Umgang mit der heutigen Situation. Schmid, die zuvor ihre Kindheit in den siebziger Jahren als «Aufwachsen in einer Kontrastgesellschaft» geschildert hatte, fügte an: «Wir sind jetzt beide in der Minderheit, zusammen sind wir aber immer noch eine Mehrheit.»

Das Beste aus beiden

An der Veranstaltung wurde nicht nur disputiert, sondern auch eine konkrete Idee lanciert. Irene Gysel ist auch Präsidentin der Evangelischen Gesellschaft, der die St. Anna-Kapelle gehört, und sie schilderte einen langgehegten Wunsch: Einmal im Monat in der Zürcher Innenstadt einen ökumenischen Gottesdienst feiern, der das Beste aus beiden Konfessionen zusammenbringe. Mit einer Liturgie, die aus dem liturgischen Reichtum der katholischen Kirche schöpfe, und einer «wirklich guten, kritischen Predigt», die jenseits aller Dogmen das Wesentliche des Christentums ins Heute übersetze.

Auch der «ökumenische Brückenschlag» geht weiter. Es wird noch zwei Disputationen geben, die nächste findet im November im Kulturhaus Helferei statt. Dort stehen Heilige und andere Vorbilder im Zentrum der Debatte.

Christa Amstutz, refomiert.info