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Gesellschaft

Bald kein «Schweizer Psalm» zum 1. August?

Selbst wenn viele den Text nicht beherrschen, wird der Schweizerpsalm gerne gesungen. SGG-Geschäftsführer Lukas Niederberger will jedoch eine Hymne mit christlichen Werten und ohne Gottesbezug.

 

Wie kommt die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) eigentlich in den Besitz der Rütliwiese? 

Moment mal, das Rütli gehört der Eidgenossenschaft. 1858 schreckte die SGG auf, weil auf dem Rütli ein Hotelkomplex geplant wurde und sammelte deshalb landesweit Geld für den Kauf des Rütli. Zwei Jahre später, im Jahr 1860, schenkte die SGG das Rütli der Eidgenossenschaft mit der Auflage, dass die SGG den Ort weiterhin verwaltet.



Lukas Niederberger, Sie haben sich publizistisch mit Religion beschäftigt und mit dem Phänomen, dass das Sakrale auch in anderen Lebenszusammenhängen auftaucht. Ist die Rütliwiese die heilige Stätte der helvetischen Zivilreligion?

Eigentlich ist es erstaunlich, dass das Rütli als Schwurstätte der drei Waldstätten eine so starke landesweite Bedeutung erhalten hat. Der Rest der Schweiz hat ja keinen direkten historischen Bezug zum Rütli. Erst mit Schillers Tell anno 1804 und mit dem Rütli-Rapport von General Guisan im Juli 1940 bekam die Wiese ihre nationale und mythische Bedeutung. Man sollte nationalen Denkmälern generell keine sakrale Bedeutung beimessen. Hingegen soll man historisch und mythisch bedeutsame Orte nutzen für den sozialen und kulturellen Zusammenhalt eines Landes. Das will die SGG.


Sind Sie als früheres Mitglied der Jesuiten verwundert, dass gerade in den katholischen Stammlanden dem Projekt einer neuen Landeshymne der grösste Widerstand erwächst?

Zuerst eine kleine Präzision: Bei der Initiative der SGG geht es nicht um eine grundsätzlich neue Landeshymne, sondern lediglich um einen neuen Hymnentext. Aber zurück zu Ihrer Frage: Es gibt nicht nur religiöse Widerstände gegen den neuen Hymnentext. Manche wollen, dass die Hymne quasi ein unveränderlicher musealer Fels in der Brandung sein soll, der uns ein Gefühl der Konstanz und der Sicherheit vermittelt. Andere argumentieren, dass in unserer globalisierten, postnationalen Ära Nationalhymnen keinen Sinn mehr machten. Die religiösen Traditionalisten wiederum, die sich sowohl im katholischen als auch im freikirchlich-evangelischen Milieu finden, wollen mit dem Gebetstext von Leonhard Widmer aus dem Jahr 1840 eines bekunden: Die Schweiz ist noch immer eine christliche Nation. Dass ein Viertel der Schweizerinnen und Schweizer sich nicht auf einen Gott beruft und sich darum mit dem aktuellen Hymnentext nicht identifizieren kann, scheint den Hardcore-Christen mit dem Traum einer christlichen Leitkultur nicht so wichtig zu sein. Der reformierte Dichterpfarrer Kurt Marti hat schon anno 1965 treffend bemerkt: "Ich wäre der Meinung, dass sich die Kirchen energisch gegen die Zumutung einer Landeshymne wehren müssten, die uns zwingt, verlogen von Gott zu singen."



In der Kirche singen wir alte Lieder - teilweise mit Gottesbildern, von dem sich das Gros der Gläubigen längst verabschiedet hat. Warum soll dies nicht für den Schweizer Psalm gelten? 

Texte von Bach-, Mozart-, Schubert- und Brahms-Liedern bleiben ewig schön, auch wenn sie antiquierte Rollenbilder oder sozial, politisch und theologisch fragwürdige Positionen transportieren. Eine Nationalhymne sollte aber eine Art Visitenkarte der Gesellschaft sein. Die heroischen Blut-und-Boden-Hymnen aus dem 19. Jahrhundert sollten wir nicht weiter kultivieren. Die Schweiz hat einen wunderbaren Einleitungstext der Bundesverfassung von 1999, wo die zentralen Werte in fast poetischer Sprache genannt werden. Dies greift der neue Hymnentext auf: «Frei, wer seine Freiheit nützt, stark ein Volk, das Schwache stützt.».



Die Präambel der Verfassung von 1999 hat aber am Gottesbezug festgehalten.

Der Gottesbezug in der neuen Verfassung war in den 90er Jahren umstritten. Der Autor des neuen Hymnentextes vertritt als moderner Christ den Anspruch, dass sich in einem religiös neutralen Staat und einer pluralistischen Gesellschaft möglichst alle Menschen mit der Nationalhymne sollen identifizieren können. Trotzdem wird das Schweizerkreuz als christlich geprägtes Symbol im neuen Hymnentext zweimal besungen. Die Werte, die in der Verfassungs-Präambel und im neuen Hymnen-Text stehen, sind ebenfalls stark vom Christentum geprägt. Letztlich gilt das Jesus-Wort: «Nicht wer mich dauernd ‘Herr’ nennt, wird in Gottes Reich kommen, sondern wer meinen Willen tut» (Matthäus 7,21).  

Haben Sie als religiöser Mensch keine Phantomschmerzen, wenn der Gottesbezug im neuen Hymnentext entfällt? 

Wenn ich im neuen Hymnentext die Wörter Freiheit, Frieden, Offenheit, Gerechtigkeit und Schutz der Schwachen singe, ist für mich Gott voll und ganz präsent. Zudem unterscheide ich zwischen dem Christen, dem Bürger und der Privatperson Lukas Niederberger. Als Bürger will ich einen Text singen, der sich möglichst mit den zentralen Werten der gesamten Gesellschaft deckt.


Nun haben Sie ein prominentes Unterstützungskomitee für die Hymne zusammengestellt. Alt-Bundesrätinnen wie Ruth Metzler, Ruth Dreifuss und Eveline Widmer-Schlumpf sowie Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger sind dabei. Soviel Unterstützung für Ihr Projekt - hat Sie das überrascht?

Die starke Zustimmung hat mich nicht überrascht. Wenn reflektierte Menschen den Text vom Schweizerpsalm und den vorgeschlagenen neuen Hymnentext nebeneinanderhalten und den neuen Text vielleicht noch von einem Chor gesungen hören, geben sie fast automatisch dem neuen Text den Vorzug.Noch erwähnen möchte ich, dass sich auch Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist stark engagiert für den neuen Hymnentext.

Nur zwanzig Gemeinden hatten vergangenes Jahr den neuen Hymnentext auf dem Liederzettel zum 1. August. Werden es dieses Jahr auf den SGG-Appell hin mehr sein? 

Ich weiss, dass man bei Veränderungen eher in Jahrzehnten als in Jahren denken sollte. Ich fand es grossartig, dass letztes Jahr bereits mehr als zwanzig Gemeinden auch den neuen Hymnentext sangen. Ich hoffe, dass es dieses Jahr noch mehr sein werden. Dass nun siebzig bekannte Schweizer Persönlichkeiten hinter dem neuen Hymnentext stehen, hat das Vertrauen vieler Bürger und Gemeindevertreter in den neuen Text hoffentlich gefördert.



Wieviel Zeit veranschlagen Sie, bis der neue Hymnentext reif für eine Urnenabstimmung ist?

Die SGG nennt bewusst keine Jahreszahl. Wir haben Zeit und einen langen Atem. Der Bundesrat wurde im Jahr 1894 aufgefordert, «Trittst im Morgenrot daher» zur neuen Nationalhymne zu bestimmen, was er im Jahr 1981 getan hat. Die SGG hofft natürlich, dass «Weisses Kreuz auf rotem Grund» nicht erst in 87 Jahren von der Bundesversammlung und vom Stimmvolk zum neuen Hymnentext gewählt wird.

Interview: Delf Bucher, reformiert.info

 

 

 

 

 

Die Hymne mit neuem Text gesungen vom Schweizer Jugendchor:

www.sgg-ssup.ch/de/videos.html

 

Der Text: www.nationalhymne.ch.

 

Legende: LUkas Niederberger: Hausherr der Rütliwiese (Foto: zVg)

 

 

 

 

Lukas Niederberger

Der 52-jährige studierte Philosophie in München und Theologie in Paris und wirkte im Bildungszentrum Lassalle-Haus bei Zug mit.Im Jahr 2007 verliess er den Jesuitenorden und war mehrere Jahre publizistisch tätig. Seit Juni 2013 leitet er die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) mit Sitz in Zürich.