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Wirtschaft

Grosszügigkeit macht glücklich

Wer anderen Gutes tut, ist selbst glücklicher: Zu diesem Schluss kamen Ökonomen der Universität Zürich. Der Psychologe und Neuroökonom Philippe Tobler sagt, die Ergebnisse seien auch für die Theologie interessant.

Herr Tobler, was tut ein Neuroökonom?
Die Neuroökonomie untersucht, was im Hirn geschieht, wenn man ökonomische Entscheidungen trifft: Zum Beispiel, wenn man zum Geldanlegen eine riskantere Alternative wählt, etwa eine Aktie, oder eben eine sicherere wie eine Staatsanleihe. Dabei ist die Hoffnung, dass die Neuroökonomie letztlich dazu beitragen wird, Entscheidungen von Menschen besser vorherzusagen und zu erklären.

In Ihrer Studie haben Sie zusammen mit einem internationalen Forscherteam herausgefunden, dass Grosszügigkeit glücklich macht. Dafür haben Sie ins Gehirn ihrer Probanden «geschaut». Was haben Sie gesehen?
Wir konnten nachweisen, dass im Gehirn eine Region, die mit dem Glücklichsein verbunden ist, aktiver war, wenn die Leute sich verpflichtet hatten, Geld für andere auszugeben, als wenn die Leute sich verpflichtet hatten, Geld für sich selber auszugeben. Im Experiment wurden die fünfzig Probanden in eine Versuchsgruppe und eine Kontrollgruppe unterteilt. Die Versuchsgruppe verpflichtete sich zu grosszügigem Handeln: Ihnen wurde Geld in Aussicht gestellt, das sie für andere ausgeben sollten, etwa um jemanden zum Essen einzuladen. Die Kontrollgruppe wurde angewiesen, sich selbst mit dem Geld etwas Gutes zu tun.

Die Grosszügigen waren glücklicher. Was bedeutet dieses Ergebnis?
Es ist überraschend weil es zeigt, dass ein festes Versprechen, grosszügig zu sein, schon ausreicht, um glücklicher zu werden. Wir konnten zudem erstmals zeigen, wie die Verbindung zwischen Grosszügigkeit und Glücklichsein auf der Hirnebene zustande kommt.

Laut Ihrer Studie bewirkt schon der Vorsatz, Grosszügigkeit zu sein, Veränderungen im Gehirn. Das heisst, die Umsetzung ist gar nicht unbedingt nötig.
Es braucht nicht viel, damit Grosszügigkeit zu Glück führt. Wenn man allerdings Vorsätze fasst, von denen man im Voraus weiss, dass man sie nicht befolgen wird, ist fraglich, ob das Ganze noch funktioniert. Bei uns mussten die Leute einen «Vertrag» unterschreiben, was einer sehr starken Verpflichtung entspricht.

Die Probanden bestimmten nicht selbst, ob sie ihr Geld verschenken oder behalten wollen, sondern sie wurden zum einen oder anderen angewiesen. Ist es nicht erstaunlich, dass sie bei diesem unfreiwilligen Geldverschenken trotzdem glücklicher wurden?
Ja, das ist ein guter Punkt. Aus experimenteller Sicht war es wichtig, dass die Zuteilung der Leute auf die beiden Gruppen zufällig erfolgt, sonst hätte es sein können, dass jene, die gerne grosszügig sind, sich dieser Gruppe zugeteilt hätten.

Wenn es stimmt, was Sie herausgefunden haben – stellt das nicht die Volkwirtschaftslehre auf den Kopf, die davon ausgeht, dass der Mensch Gewinnmaximierung anstrebt?
Es zeigt tatsächlich, dass die Menschen nicht nur durch Gewinnmaximierung motiviert sind. Den Psychologen ist das schon lange klar und auch die Befunde von einigen Volkswirten stimmen mit unseren Resultaten überein. Nur sind diese Einsichten noch nicht überall in der Volkswirtschaftslehre angekommen.

Warum basiert das Experiment ausgerechnet auf Geld?
Für die Ökonomen ist Geld die wichtigste Währung. Ökonomische Theorien haben aber Mühe damit, zu erklären, warum die Leute grosszügig sind und anderen helfen. Das widerspricht, zumindest auf den ersten Blick, dem Selbstnutzen.

Was ist der Zweck Ihrer Studie? Für welche Disziplin sind die Ergebnisse relevant?
Wir zeigen die enge Verbindung von Grosszügigkeit und Glück. Das ist relevant für die Volkswirtschaft, die Psychologie und verwandte Disziplinen.

Auch für die Theologie? Die Nächstenliebe ist im Christentum zentral.
Ja, auch für die Theologie. Unsere Studie zeigt auf, wie genau ein etabliertes christliches Prinzip funktioniert.

Könnte man die Ergebnisse der Studie gezielt einsetzen: Den Menschen Grosszügigkeit verordnen und sie würden glücklicher?
Es gibt verschiedene Arten, glücklich zu sein oder zu werden. Für die Gesellschaft als Ganzer wäre etwas mehr Grosszügigkeit sicher nicht verkehrt. Dies staatlich vorzuschreiben wäre sehr wahrscheinlich nicht die beste Lösung. Es einfacher zu machen, grosszügig zu sein, könnte aber eine Überlegung wert sein.

Sabine Schüpbach, reformiert., 8. August 2017

Das Experiment
Zu Beginn des Experiments wurde fünfzig Probanden eine Geldsumme zugesprochen, die sie in den nächsten Wochen erhalten würden und ausgeben sollten. Die eine Hälfte der Probanden verpflichtete sich, das Geld für eine ihnen bekannte Person auszugeben, die andere Hälfte verpflichtete sich, das Geld für sich selbst auszugeben. Anschliessend nahmen die Probanden an einem Experiment teil, bei dem sie entscheiden mussten, sich mehr oder weniger grosszügig oder egoistisch zu verhalten. Währenddessen massen die Forschenden ihre Hirnaktivität in drei Hirnarealen: einem, wo prosoziales Verhalten und Grosszügigkeit verarbeitet werden, einem, das mit Glücklichsein assoziiert ist, und einem, der das Für und Wider während Entscheidungen abwägt. Das in Aussicht gestellte Geld wurde den Probanden aber nicht ausbezahlt.

Philippe Tobler
Philippe Tobler ist Psychologe und Professor für Neuroökonomie und soziale Neurowissenschaft am Departement für Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich. Die Studie hat er zusammen mit Ernst Fehr, Soyoung Q. Park, Thorsten Kahnt, Azade Dogan und Sabrina Strang durchgeführt.