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Politik

Die Protestantin

Angela Merkel hat ihre Kanzlerschaft trotz Verlusten erfolgreich verteidigt. Sie bleibt die mächtigste Frau der Welt. Was ist das Geheimnis ihres Erfolgs?

Wer ist diese 165 Zentimeter grosse Frau, die für weitere vier Jahre die Zügel Deutschlands in den Händen hält? Physikerin, Ostdeutsche, Vollblutpolitikerin oder Mutter der Nation?

In den letzten Jahren schäle sich immer stärker heraus, wie sehr die Herkunft aus dem protestantischen Pfarrhaushalt Angela Merkel geprägt habe, stellen Kommentatoren und Politjournalisten fest. Manager-Coach Stefan Wachtel attestiert ihr, sie sei «eine Protestantin, wie sie im Buche steht. Selbst in heller Begeisterung bleibt ihr Körperausdruck immer reduziert, beinahe verhalten.»

Bibelfeste Pfarrerstochter
Für den Journalisten Volker Resing ist Merkel mehr preussische Protestantin als ostdeutsche Physikerin. Resing hat ein Buch über die Kanzlerin mit dem Titel «Angela Merkel – Die Protestantin» verfasst. Merkel zeige ein starkes Pflichtgefühl und viel Disziplin. Über ihren Glauben lasse sie wenig Schlüsse zu. Der Versuch, ihrer Politik das Etikett
«christlich» anzuheften, sei schwierig. Denn für die Kanzlerin gehöre der Glaube ins Private. Trotzdem sei die Pfarrerstochter bibelfest. Als sie eine Rede durchging, in der die Bibel zitiert wurde, habe sie an den Rand geschrieben «bitte Lutherbibel verwenden». Merkel sei es ein Anliegen, dass der Mensch sich nicht selbst zu wichtig nimmt, sagt Resing. Diese Einsicht mache sie trotz hoher Würden demütig. «Sie weiss, dass sie auch in ihrem Staatsamt vor Fehlern nicht gefeit ist.» Politiker wie Merkel, die ihren Glauben nicht verhehlen, hätten in Deutschland Erfolg, sagt Resing. Am Anfang ihrer Politkarriere galt Merkel als die «Ungläubige aus dem Osten».

Die Kanzlerin und der Papst
Inzwischen habe sich die Gesellschaft so entwickelt, dass die Kanzlerin in der Mitte steht. Auch im Bezug auf ihren Glauben, mit dem sie zurückhaltend und selbstverständlich umgehe. Etwa als Angela Merkel erklärte, wenn jemand Angst vor der Islamisierung Deutschlands habe, solle er doch wieder einmal in die Kirche gehen. «Solche authentischen Bekenntnisse sind heute gefragt, nicht die offen zur Schau gestellten», so Resing.

Ohne Scheu tritt die Kanzlerin heute auf den Deutschen Kirchentagen auf und besucht Papst Franziskus. Die Protestantin und der Katholik waren sich einig, «dass die Wirtschaft da ist, um den Menschen zu dienen». Das sei in den vergangenen Jahren längst nicht überall der Fall gewesen, so der Papst und die Kanzlerin.

Das Gegenteil von Trump
Auf der anderen Seite des Atlantiks politisiert US-Präsident Donald Trump. Der Presbyterianer steht den evangelikalen Anhängern des positiven Denkens nahe. «Der Unterschied zwischen Merkel und Trump ist enorm», sagt Volker Resing. Wie weit man dies auf die unterschiedliche Prägung durch die Spielarten des Christentums zurückführen kann, sei eine interessante Frage.

Merkel fokussiere in der Tradition des deutschen Protestantismus auf die Rationalität. Sie hält jegliche Befindlichkeit und Emotionen zurück. «Sie will sich der Gefühle nicht bedienen.» Trump mache genau das Gegenteil. «Er sucht die affekthafte und emotionale Begegnung mit den Leuten», sagt Resing.

Merkels Lieblingswort heisse «wir», stellt Stefan Wachtel fest. Ihr zweitliebstes Wort sei «man». So begründete sie die Rettung Griechenlands lakonisch: «Man lässt ja dann auch keinen alleine.» Und ihr drittes Lieblingswort laute «gemeinsam». Denn bei Merkel hätten alle irgendwie recht und gehörten alle irgendwie dazu. Genauso wie damals auf dem elterlichen Pfarrhof in Templin.

Tilmann Zuber, 25. September 2017

Volker Resing: Angela Merkel. Die Protestantin, Ihr Aufstieg, ihre Krisen und jetzt? Herder 2017