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Gesellschaft

«Wichtig ist zu verstehen, was passiert ist»

Passiert ein Amoklauf oder ein schweres Unglück, reagieren Anwesende ganz unterschiedlich. In den ersten Stunden ist aber grundsätzlich weniger Seelsorge gefragt als Wegleitung, sagt Notfallseelsorgerin Irmela Moser.

Frau Moser, was denken Sie, wenn Sie von einem Verbrechen oder einem Ereignis wie dem Massaker von Las Vegas vernehmen?
Bei einer solchen Tat frage ich mich natürlich: Warum? Was bringt einen Menschen zu einer solchen Tat? Was steckt dahinter? Dann bin ich stark bei den betroffenen Menschen. So etwas mitzuerleben, ist eine sehr happige Geschichte. Und ich hoffe sehr, dass sie Unterstützung erhalten. Das ist enorm wichtig.

Kann man ein derartiges Erlebnis aber auch ohne Unterstützung gut verarbeiten?
Ja, das ist möglich. Menschen reagieren ganz unterschiedlich auf Extremsituationen. Das zeigt auch die Forschung. Manche brauchen zwingend Unterstützung, um damit leben zu können. Andere können das Erlebte selbst mit ihren Alltagsstrategien gut verarbeiten.

Was für Alltagsstrategien?
Es geht dabei vor allem ums Einordnen. Wichtig ist zu verstehen, was passiert ist. Dazu brauchen die Leute Informationen, Fakten, damit sie das Ereignis in ihr Lebensbild einbetten können. Zwar wird kaum jemand danach sagen: Ich bin wieder wie früher. Aber das ist auch gut so, schliesslich ist es Teil des Lebens – und ein Vergessen ohnehin nicht möglich.
Die Berichterstattung in den Medien spielt ebenfalls eine Rolle. Es hilft weder den Betroffenen noch den Medienkonsumierenden, wenn breit berichtet wird, wie die Menschen leiden. Wichtig sind vor allem aufklärende Informationen: Fakten und Hintergründe, die das Ereignis eben möglichst gut zu verstehen machen.

Woran erkennt man denn, ob jemand Unterstützung braucht?
Da die Reaktionen völlig unterschiedlich sein können, ist in den ersten Stunden und Tagen praktisch jedes Verhalten normal. Nicht schlafen können, ängstlich sein, wütend, versteinert, keinen Appetit haben: Alles kann Ausdruck der Stresssituation sein.
Unterstützung ist angezeigt, wenn die Personen darunter leiden und ihre Alltagsstrategien nicht selbst aktivieren können. Insbesondere muss dann gehandelt werden, wenn jemand auch nach mehr als einer Woche Symptome hat oder sie sich verschlimmern.

Und wann ist was zu tun?
In den ersten Stunden geht es in erster Linie darum, die Selbstorganisation zu stützen. Das heisst: Mit den Personen reden, schauen, dass ihre Grundbedürfnisse erfüllt werden wie trinken, essen, schlafen, Kontakte pflegen. Geschockte Menschen denken natürlich nicht in erster Linie daran, sie gestehen sich diese Bedürfnisse oft nicht ein.
Wenn die Person auch nach Tagen leidet, ist der Einbezug einer Fachperson notwendig – und zwar einer medizinischen, nicht einer theologischen.

Und wann ist Ihre Tätigkeit als Seelsorgerin gefragt?
Für die erste Unterstützung braucht es mich in dieser Rolle tatsächlich nicht. Das Care Team besteht deshalb auch aus «Care Profis» – theologischen und psychologischen Fachpersonen – und «Care Givern». Das sind Laien, die von uns ausgebildet werden und ebenfalls erste psychologische Hilfe leisten können.
Als Seelsorgerin komme ich erst später zum Zug, vor allem bei der Trauerarbeit. Dann geht es darum, im Gespräch zu sein mit der betroffenen Person, zu schauen, was hilft, sich zu öffnen. Das ist dann Seelsorge pur.

Kann jede und jeder im Care Team mitarbeiten?
Nein. Häufig – aber nicht ausschliesslich – sind es Personen, die bereits im Alltag mit Menschen arbeiten, also etwa aus im Pflegefach oder Lehrberufen. Nicht geeignet sind jene, die denken: Ich kann die Menschen retten. Anfangs geht es schlicht um Unterstützung, um die Aktivierung der Selbstorganisation der Betroffenen.

Und wie können Interessierte mitmachen?
Wir bieten jährlich einen Eignungstag an mit 36 Plätzen. Doch der ist relativ schnell ausgebucht, und wir wählen unter den Teilnehmenden ziemlich streng aus. Hingegen sind Care Profis hochwillkommen, besonders Theologinnen. Leider spüren wir den Druck teils von den Kirchgemeinden her, teils von den Pfarrpersonen, dass Zeit und Geld fehlen würden, um eine solche Aufgabe noch zu übernehmen. Dabei ist es eine sehr sinnvolle und notwendige Arbeit!

Marius Schären, reformiert.info, 9. Oktober 2017

Irmela Moser, 46
Die Theologin ist seit drei Jahren stellvertretende Leiterin des Care Teams Kanton Bern (die Leitungsposition ist zurzeit vakant). Zuvor hat sie als Gemeindepfarrerin gearbeitet. Im insgesamt 160 Personen umfassenden Care Team Kanton Bern mit 100 Laien ist Irmela Moser verantwortlich für die Aus- und Weiterbildung.