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Kultur

Wie der protestantische Globus katholisch wurde

Der berühmte St. Galler Globus stammt aus Norddeutschland, einer reformierten Hochburg. Dies war für das Kloster, das den Globus kaufte, ein Problem. Die Lösung: man übermalte die abgebildeten protestantischen Gelehrten.

Das Rätsel um die Herkunft des St. Galler Globus, den Fürstabt Bernhard 1595 für das Kloster erwarb, wurde vor kurzem gelöst. Bei radiographischen und optischen Analysen entdeckten die Wissenschaftler drei übermalte Porträts von historischen Persönlichkeiten. Diese weisen definitiv den Herstellungsort am Ende des 16. Jahrhunderts aus: den Mecklenburgischen Hof in Schwerin. Der Astronom Tilemann Stella, der im Dienste des Herzogs Johann Albrecht I. zu Mecklenburg stand, baute das Gerät. Damit ist klar: «Der Globus stammt aus einem sehr protestantischen Gebiet», sagt Jost Schmid, Leiter Abteilung Karten und Panoramen der Zentralbibliothek Zürich, der den Globus untersuchte.

Lesen im Buch Gottes
Neben Johann VII., dem Sohn des Herzogs, finden sich die Porträts von Gerhard Mercator, der sich unter anderem mit der Lehre Calvins befasste, und dem evangelischen Theologen David Chytraeus auf dem Globus. Für die Funktionsweise des St. Galler Globus nahmen die Erbauer den julianischen, das heisst zu dieser Zeit den protestantischen, Kalender zu Hilfe. «Das Lesen des Himmelskörpers kam damals dem Lesen des Buches Gottes gleich. Und so hatte die Fürstabtei beim Kauf des Globus weder Verständnis noch Interesse, diese protestantische Gelehrsamkeit weiterhin zu zeigen», so Schmid.

Wegen «Lutherey» angeklagt
Das Kloster liess das Bild von Gerhard Mercator mit Stechzirkel und kartografischer Darstellung der Polregion vollständig übermalen. Der reformiert-protestantisch orientierte Universalwissenschaftler und Kartograf, der 1544 vorübergehend wegen «Lutherey» angeklagt und inhaftiert wurde, sollte im katholischen St. Gallen nicht an die Reformation erinnern. Das Porträt von David Chytraeus wurde retouchiert und verwandelte sich in Archimedes. Ein griechischer Mathematiker war den Katholiken genehmer als ein Norddeutscher Reformator zweiter Generation.

Aus dem Herzog wird ein Mönch
Den Dritten im reformatorischen Bunde auf dem Globus, Johann VII., Herzog zu Mecklenburg, vertuschte die Abtei ebenfalls. Doch dieses Brustbild ist anders als die übrigen Porträts. Der Dargestellte hält einen Pinsel statt ein wissenschaftliches Gerät in den Händen. Das Medaillon wurde dem frühmittelalterlichen St. Galler Mönch Iso umgewidmet. Die Kopfbedeckung wich einer Tonsur, der Bart einem Schnauz. «Mangels eigenen Gelehrten griff die Fürstabtei wohl auf Iso zurück», vermutet Jost Schmid.

Zeichen der Macht
Geblieben ist der julianische Kalender. «Ihn zu retuschieren, wäre zu aufwendig gewesen», erklärt Schmid. Zumal man den Globus mit einem Durchmesser von 121 cm nicht als Instrument genutzt habe. «Theoretisch wäre es möglich gewesen, wenn man eine Leiter zu Hilfe genommen hätte.» Der Kauf des Gerätes bedeutete in der damaligen Zeit vor allem Prestige und Macht. «Gleichzeitig widerspiegelte der Besitz Wissen, war Attribut eines Renaissancefürsten», sagt Jost Schmid. Dass das Herrschaftssymbol in St. Gallen landete, ist für den Wissenschaftler nachvollziehbar. «Einerseits musste er möglichst weit weg von seinem Herkunftsort verkauft werden, nachdem der Hof von Mecklenburg in Geldnöte geraten war. Andererseits gab es in der Schweiz nur einen fürstlichen Hof.»

Wieder in protestantischen Händen
Gut hundert Jahre blieb der St. Galler Globus «katholisch». Im Toggenburger Krieg von 1712 führten ihn die Zürcher Truppen als Kriegsbeute an die Limmatstadt ab. «Hier ist das fürstäbtische Wappen mit einer Plakette abgedeckt worden. Der Globus wurde quasi 'umreformiert'», so Schmid. Und nachdem 1996 die St. Galler die Zürcher mehrmals aufgefordert hatten, den Himmelskörper zurückzugeben, schlichtete der Bundesrat den Streit: Die Zürcher durften den Globus behalten, mussten aber für die St. Galler eine Replik herstellen. Diese steht heute im Barocksaal der Stiftsbibliothek.

Katharina Meier, kirchenbote-online, November 2017