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Kirche

Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum: Das Ringen um Freiheit

In der vollen Stadtkirche in Liestal feierte die Baselbieter Kirche den Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum mit Regierungsrat Anton Lauber.

Die Glocken läuten, die Leute strömen an diesem grauen Herbstabend zur Stadtkirche in Liestal. Am Eingang erhalten alle einen Reformations-Pin fürs Revers: ein rotes R mit dem Bild des Basler Reformators Johannes Oekolampad. In den vollen Bänken entdeckt man bekannte Persönlichkeiten, darunter Regierungsrat Anton Lauber, Landratspräsidentin Elisabeth Augstburger und Kirchenbunds-Vizepräsident Peter Schmid.

«Kirche sein ist kein Selbstzweck»
Am Samstag vor dem Reformationssonntag am 4. November feierte die reformierte Kirche Baselland mit prominenten Gästen einen Festgottesdienst zum Reformationsjubiläum. Im Zentrum des Gottesdienstes stand die Freiheit, ein Grundanliegen der Reformation, wie Kirchenratspräsident Martin Stingelin in seiner Predigt betonte: «Luther hat die Freiheit wiederentdeckt, die Gott uns durch Jesus Christus schenkte.» Vieles sei in Jahrhunderten erkämpft worden, doch das Ringen um die Freiheit werde wohl nie ein Ende haben, sagte der Pfarrer. Es gehe nicht um Selbstbehauptung und Selbstbereicherung. Die Freiheit finde ihr Mass und ihre Grenzen in der Nächstenliebe und der Bereitschaft, dem Nächsten zu dienen. Gemeint sei nicht eine problematische Selbstlosigkeit. Der Begriff Menschenhelfer passe besser, so Martin Stingelin. Auch Kirche sein sei kein Selbstzweck. «Die Kirche muss sich daran messen lassen, wie weit sie den Menschen dient.»

Mit dem Begriff der Freiheit werde Werbung gemacht, etwa bei der so genannten Selbstbestimmungsinitiative, die eine Schwächung des internationalen Menschenrechtsschutzes vorsehe, kritisierte der Kirchenratspräsident. Dies käme einer Schwächung der Freiheit gleich. Richtig verstandene Freiheit sei Freiheit mit Verantwortung.

Regierungsrat Anton Lauber blickte in seinem Grusswort zurück auf die Welt vor 500 Jahren, die ganz anders als heute gewesen sei. Die Menschen hatten es mit der Pest zu tun, die Bauern führten ein Leben als Leibeigene und der kirchliche Ablasshandel blühte. «Die Menschen lebten in Unterdrückung und kannten die Freiheit nicht.» Mit Martin Luther hätten die konfessionellen, gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen ihren Anfang genommen. «Der Ruf nach persönlicher Freiheit wurde immer stärker, der Gedanke der Reformation kam zum richtigen Zeitpunkt.» Ihn beeindrucke, so Lauber, was ein einzelner Mensch auslösen und bewirken könne. «Das macht Mut.» Dank Martin Luther habe Europa ein modernes Menschenbild entwickelt. Am Ende zitierte der Regierungsrat Huldrych Zwingli: «Kirche kann nicht Kirche sein ohne Beziehung zur Politik oder ohne verantwortlichen sozialen Einsatz.» In diesem Sinne wünsche er den Baselbieter Reformierten weitere erfolgreiche 500 Jahre.

Brotteller und Kelch als Geschenk
Als Jubiläumsgeschenk überreichte alt Kirchenratspräsident Markus Christ während des Gottesdienstes den Delegierten der 35 Baselbieter Kirchgemeinden Brotteller und Kelch, um das Abendmahl zu feiern.

Weitere Grussworte überbrachten beim Apéro riche Peter Schmid, Vizepräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, Landratspräsidentin Elisabeth Augstburger, der Liestaler Stadtpräsident Lukas Ott sowie Kathrin Gürtler, Präsidentin des christkatholischen Landeskirchenrats, und Christoph Sterkman, Bischofsvikar Bistum Basel. Industriepfarrer Martin Dürr betätigte sich als Slam Poet und rundete den Abend mit seinen launigen Wortbeiträgen ab.

Während in Deutschland die Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum mit dem Lutherjahr zu Ende gehen, fangen die Baselbieter Reformierten erst an. Hier setzte sich die Reformation offiziell erst 1529 durch. Der Festgottesdienst markierte den Start zur «Jubiläums-Dodekade». Die Kirche wird sich in den kommenden zwölf Jahren mit den historischen Ereignissen während der Reformationszeit, ihren Auswirkungen auf heute und Impulsen für die Zukunft auseinandersetzen.

Karin Müller, 10. November 2017