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Gesellschaft

«Man sollte Verfluchungen nicht einfach belächeln»

Fluchen gilt nicht nur als unanständig, sondern auch als «unchristlich». Und doch geht eine eigene Faszination von den deftigen und derben Wörtern aus. Der Berner Germanist Roland Ris forscht auf diesem verpönten Gebiet.

Herr Ris, meine Grossmutter pflegte zu sagen: Wenn du schon fluchen musst, kannst du meinetwegen Gopfriedschtutz sagen, aber niemals Heilanddonner. Warum diese Unterscheidung?
Im zweiten Fluch ist offenkundig der Heiland drin, also der Gottessohn, den man nicht für Flüche missbrauchen darf. Der erste Fluch enthält die Bezeichnung «Gott», jedoch in einer sprachlichen Verhüllung. Derlei Euphemismen gelten als weniger schlimm als der unverhüllte Fluch.

Manche Verhüllungen tönen ja schon fast drollig ...
Ja, die Kreativität ist gross: Gopferteli, Gopfriedstüdeli, Gopfertori, Gopfried Stouffenegger und anderes mehr. Oder man bezeichnet «heilanden» beschönigend als «meilanden».

Was hat denn der Gottesname in all diesen Kraftausdrücken zu suchen?
Es handelte sich ursprünglich um Bekräftigungsformeln mit integrierter Selbstverfluchung. «Gott verdamme mich, wenn ich nicht die Wahrheit sage», heisst es ausformuliert. Man hoffte, dem Gesagten besonderes Gewicht zu geben, indem man den höchsten Wert zum Pfand setzte: das eigene Seelenheil. Das klingt immer noch an in Wendungen wie «my Seel» oder «my Tüüri», «bei meiner teuren Seele» also.

Im Wort «Fluchen» steckt auch «Verfluchen». Was hat es damit auf sich?
Das Verfluchen eines Feindes blickt auf eine uralte Tradition zurück. Das ist Magie im eigentlichen Sinn. Aus dem alten Ägypten zum Beispiel sind Fluchformeln wörtlich überliefert, und noch bis ins 16. Jahrhundert wurden auch im deutschen Sprachraum Verwünschungen ausgesprochen. Diese Praxis ist in Mitteleuropa heute mehr oder weniger verschwunden. In Süd- und Osteuropa kommt sie noch vor, ebenso in der muslimischen Welt. Und besonders ausgeprägt in Afrika, wo das Verfluchen rituell zelebriert wird. Man sollte solche Vorgänge nicht einfach belächeln, sie haben durchaus ihre Wirkung.

Wirklich? Nicht nur, wenn man daran glaubt?
Ein Fluch kann auch subtil ausgesprochen werden. Es genügt eigentlich schon, wenn ein Vater seinem Sohn immer wieder sagt, aus ihm werde nie etwas Rechtes. Und werden die Flüche gar magisch-beschwörend ausgesprochen, wirken sie erst recht. Dabei wird die Seele in tiefsten Schichten angesprochen, dort, wo sie besonders verletzlich ist. Ich wiederhole: Man sollte dies nicht mit einem aufgeklärten Schulterzucken abtun.

Welche gängigen Fluchwörter sind aus solchen archaischen Verwünschungen entstanden?
Alles mit Himmel, Blitz, Donner und Stern, also Donnerwetter, Schtärneföifi, Himeldonnerwätter und ähnliches mehr. Das bedeutet ausgedeutscht «Möge die göttliche Macht deine Ernte mit Blitz, Donner und Hagel vernichten!» Solche Flüche waren weit verbreitet, ebenso Formeln, mit denen dem Feind eine Krankheit angewünscht wurde.

Religiöse Menschen mahnen, dass die Bibel das Fluchen verbiete. Findet sich in der Bibel wirklich ein explizites Fluchverbot?
Ein Vers aus den Zehn Geboten fordert: «Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.» So war es zum Beispiel bei den Israeliten tabu, den hebräischen Gott Elohim im selben Atemzug mit kanaanitischen Gottheiten anzurufen. Im christlich-theologischen Sinn lässt sich das Missbrauchsverbot auch so deuten, dass niemand über Gott verfügen kann. Auch nicht, indem man ihn anruft, um eine – vermeintliche – Gewissheit zu bekräftigen. Denn was gewiss ist, weiss Gott allein, der Mensch sieht nur Teilaspekte der Wahrheit. Entsprechend vermeidet man in manchen freikirchlichen Gemeinschaften das Wort «gewiss» und verwendet an seiner Stelle verhüllend Begriffe wie «gwünd», «gwüni» oder «guss».

Nicht nur meine Grossmutter, auch meine Eltern verboten mir das Fluchen. Was ich zusammen mit Kollegen umso lustvoller praktizierte. Was reizt uns an der saftig-deftigen Rede eigentlich so?
Es tut ganz einfach gut, ab und zu den Weg des gesitteten Sprachgebrauchs zu verlassen und nach Herzenslust zu fluchen. Das hat Ventilwirkung und kann zur kurzfristigen Psychohygiene beitragen. Und jungen Menschen hilft es, sich vom Elternhaus abzugrenzen. Bei alledem bin ich persönlich mit Fluchen jedoch sehr zurückhaltend. Flüche gehen mir nicht leicht über die Lippen. Aber klar ist: Die allermeisten Menschen fluchen gelegentlich, auch die, die es leicht pikiert verneinen, wenn man sie danach fragt.

Offenbar gilt Fluchen nach wie vor als anstössig, sogar heute, im Zeitalter der Enthemmung.
Bei uns in der Schweiz gibt es nach wie vor zwei Tabubereiche. Der eine ist das Einkommen, der andere das Fluchen. Man spricht nicht über das Fluchen, man erforscht es nicht, und man vermeidet es in der schriftlichen Form. Ich habe noch kaum je in einem hochliterarischen Text oder in einem Zeitungsartikel einen Fluch gelesen.

Das Gegenteil des Fluches ist der Segen. Gibt es in unserem täglichen Sprachgebrauch auch die Fragmente alter Segensformeln?
Sehr reduziert. Einem Fischer wünscht man «Petri Heil», einem Jäger «Weidmannsheil». Und einem Bauern «Glück im Stall». Und wer zur älteren Generation gehört, grüsst auf der Strasse vielleicht noch mit «grüessgott» oder «grüessgottwohl». Das bedeutet nicht, dass Gott selbst gegrüsst sein möge; man entbietet dem Gegenüber vielmehr einen Segensgruss, der von Gott kommt. Dasselbe gilt für den Abschiedsgruss «bhüetigott» oder auch nur «bhüeti» beziehungsweise «pfiati» im Bayrischen.

Segensgrüsse nimmt man heute aber nicht mehr wirklich als solche wahr.
Ja, das Verständnis für die Kraft des Segens ist in unserer Kultur – zumindest in der säkularisiert-reformierten – abhandengekommen, leider. Der göttliche Segen ist eine Kraft, die Leben und Vitalität spendet. Und Segen lässt sich nach alter Vorstellung auf andere übertragen. Man denke an den väterlichen Segen, den die biblischen Erzväter ihren Söhnen spendeten. Oder an die apostolische Sukzession in der katholischen Kirche, bei der die mystische Kraft des Apostelamtes von den Bischöfen auf ihre Amtsnachfolger übertragen wird. Und an die Segenswünsche in der jüdischen und muslimischen Tradition, die hier allgemein noch eine stärkere Bedeutung haben.

Zurück zum volkstümlichen Fluchen. Wie sind Sie als Germanist eigentlich dazu gekommen, gerade dieses Gebiet zu erforschen?
Über das Berndeutsch-Wörterbuch. Ich habe entdeckt, dass dieses nebst dem «anständigen» Wortschatz auch eine erstaunliche Anzahl an Flüchen und Kraftausdrücken enthält. Das hat mich neugierig gemacht – und gab mir den Anstoss, dieses Spezialgebiet zu erforschen.

Welche Quellen bieten sich dabei an?
Nebst den Dialekt-Wörterbüchern vor allem auch Volkstheaterstücke. Hier findet man eine beachtliche Fülle an deftigen Ausdrücken und Flüchen, die sich regional zum Teil deutlich unterscheiden. Auch Vereinszeitungen enthalten den einen und anderen Schatz. Kurz – je volkstümlicher ein Text, desto grösser die Chance, dass er den Volksmund in seiner ganzen Bandbreite widerspiegelt.

Kann das Fluchen auch ein gesellschaftlicher Code sein, an dem ich den sozialen Stand des Fluchers, der Flucherin ablesen kann?
In gewisser Weise schon. Während sich der Soldat, Bauhandwerker oder Bauer schon mal mit einem kraftvollen «Donnerhaguwättersiech» Luft verschafft, wird sich der Pfarrer eher auf ein mildes «Donnerli Donnerli» beschränken. Und eine ältere Dame gibt sich mit einem «Herrjesesli» zufrieden, während sich eine heutige Jugendliche gerne derber ausdrückt. Aber wie das Gesagte wirklich gemeint ist, hängt immer auch vom Kontext ab. Ein rüder Anwurf kann je nachdem als kameradschaftliches Kompliment gemeint sein. In anerkennendem Tonfall ausgesprochen, bedeutet die Beschimpfung «Du bisch de scho n-e verdammte Huerecheib du» nichts Schlimmeres als «Alle Achtung, du bist ein richtig toller Hecht.» Fluchen ist also eine komplexe Angelegenheit – je nachdem sogar eine Kunst.

Hans Herrmann, reformiert.info, 4. Dezember 2017

Roland Ris (78) ist emeritierter Germanistikprofessor der ETH Zürich. Zu seinen Interessengebieten gehören nebst der Fluchforschung («Malediktologie») unter anderem auch Theologie, Indologie und Ägyptologie. Zudem arbeitet er aktuell an einem Buch über den Dichter Rainer Maria Rilke. Roland Ris ist verheiratet, vierfacher Vater und zweifacher Grossvater. Er lebt in Wilderswil in der Nähe von Interlaken.