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Religionen

«Mohammed würde mit der Zeit gehen»

Jihad, Kopftuch, radikale Prediger dominieren die Medien. Doch auch der Islam kennt verschiedene Richtungen. Islamwissenschaftlerin Sozan Mohebbi-Rasuli plädiert für eine zeitgemässe Neuinterpretation des Korans.

Sozan Mohebbi-Rasuli ist überzeugt, dass der Prophet Mohammed, wandelte er heute auf der Erde, ohne zu zögern in ein Auto mit einer Frau am Steuer einsteigen würde. «Mohammed hat sich an die Geschlechterbeziehungen seiner Zeit angepasst, das würde er auch heute machen», sagt die Historikerin und Islamwissenschaftlerin. 

Salafisten idealisierten die Frühzeit des Islams als heile Welt. Viele Jugendliche liessen sich davon beeinflussen, weil sie die islamischen Gesetze nicht kennen und glauben, dass es eine Sünde sei, sich damit auseinanderzusetzen oder die Vorschriften zu kritisieren. «Klärt man sie auf, distanzieren sie sich. Zum Beispiel vier Frauen zu haben, finden die meisten dann doch falsch», so die Erfahrung von Sozan Mohebbi, die in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans, und in der Schweiz aufgewachsen ist.

Sozan Mohebbi-Rasuli leitet in Basel den Kurs «Islamische Theologie zwischen den Welten». Er findet schon zum zweiten Mal statt. Das Vorwissen der Teilnehmer sei unterschiedlich, sagt Sozan Mohebbi. Unter anderem hätten auch Mitarbeitende im Migrationsbereich die Veranstaltung als berufliche Weiterbildung besucht. Den Kurs bietet die Volkshochschule beider Basel zusammen mit den reformierten Kirchen im Zwinglihaus Basel an.

Macht und Religion
Mohebbi bietet einen Überblick über die verschiedenen Schulen und Lehren der islamischen Theologie von den Anfängen im 9. und 10. Jahrhundert bis heute. «Den wahren Islam gibt es nicht», sagt die Islamwissenschaftlerin. Die Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten im 7. Jahrhundert lasse sich jedoch nicht auf theologische Differenzen zurückführen. Es ging um die Nachfolge des Propheten. «Es ging um Macht. Theologen sollten sich nicht in die Politik einmischen», erklärt sie. Anders sah das Ajatollah Chomeini, der 1979 den Schah stürzte und im Iran als politischer und religiöser Führer die Regierung übernahm und die Schiiten politisiert habe.

Original auf Arabisch
Wie im Christentum gebe es im Islam eine historisch-kritische Theologie, sagt Sozan Mohebbi. Im 20. Jahrhundert hätten Literaturwissenschaftler und Theologen dafür plädiert, den Koran als historischen Text zu lesen. Im Iran, in der Türkei und in den USA sei die Reformtheologie eine starke Bewegung. Im Westen nimmt man sie kaum wahr. Die Frage, ob der Koran in historischer Zeit erschaffen oder immer da gewesen und für alle Zeit gültig sei, spalte bis heute die Theologen.

«Es gibt im Koran problematische Stellen wie etwa das Erbrecht oder die Beziehungen zwischen Mann und Frau», sagt Sozan Mohebbi. Diese Themen diskutiert sie im Kurs anhand von kontroversen Beispielen wie dem Kopftuch. Eine Antwort gibt es nicht. «Niemand weiss, wie sich die Frauen zu Zeiten Mohammeds gekleidet haben», gibt die Historikerin zu bedenken. Zudem spielen die Interpretation und die Sprachkenntnisse eine Rolle. «Der Koran wurde auf Arabisch geschrieben», betont Mohebbi. 

Wer die Sprache nicht beherrscht, kann nicht auf das Original zurückgreifen. Im Übrigen ist Sozan Mohebbi überzeugt, dass man die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse zur Zeit Mohammeds nicht auf heute übertragen kann. «Man muss die Texte neu interpretieren.»

Islamische Theologie zwischen den Welten: Forum für Zeitfragen

Karin Müller, kirchenbote-online, 8. Januar 2018