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Kirche

Kann Kirche die Gesellschaft bewegen?

03.01.2022
Ein Podium der BewegungPlus, das in der Lukaskirche in Basel stattfand, ging der Frage nach, wie die Kirche künftig die Gesellschaft bewegen kann.

«Die Welt ist nicht genug», sagt Hans Goldenberger. «Die Gesellschaft braucht die Kirchen», ist der Pastor der BewegungPlus in Basel überzeugt. Um dieses Thema zu vertiefen, hat Goldenberger drei Vertreter der Freikirchen und der Landeskirche zum «Winkeltalk» in Basel eingeladen. Dabei ging es um die Frage: Können die Kirchen heute noch etwas bewegen?

Die Theologin Melanie Meury untersuchte in ihrer Diplomarbeit das kirchliche Engagement im Basler Gundeli-Quartier. Dabei stellte sie fest, dass «Gott im Quartier schon an der Arbeit gewesen ist».

Seit Jahrzehnten leisten die Kirchen Aufbauhilfe. Im 19. Jahrhundert ermöglichte die Schwesternschaft den Mädchen, die Schule zu besuchen. 1931 wurde die Zwinglikirche als reformierte Kirche im Gundeli gebaut. Im Laufe der Zeit errichteten die Kirchen und kirchliche Kreise im Gundeli das Café del mundo, das Gebetshaus, die Tagesstrukturen der Heilsarmee und den Treffpunkt für Stellenlose und Randständige. Heute bietet BewegungPlus Angebote für Kinder, Familien und Migranten an.

Die Kirche werde kleiner, die Reformierten seien heute eine Minderheit, erklärte Andreas Möri, Pfarrer am Zwinglihaus. «Da stellt sich die Frage, wie die Kirche lebendig sein kann.» Die Reformierte Kirche Basel-Stadt habe entsprechend reagiert, so Möri. Sie setze auf Kontinuität, fokussiere sich auf das Kerngeschäft und stelle sich dem Wandel. 2008 zog sich die reformierte Kirche aus der Lukaskirche zurück, das Zwinglihaus ist nun auch für diesen Teil der Gemeinde da.

Seit 2011 ist die BewegungPlus als Freikirche in der Lukaskirche tätig. Drei Jahre später konnte sie die Liegenschaft von der Reformierten Kirche Basel-Stadt erwerben. «Wir sind dankbar dafür», sagt Hans Goldenberger, «und bemüht, den Menschen im Quartier zu dienen.»

Gastgebende Kirche
Das Zwinglihaus verstehe sich heute als gastgebende Kirche, die offen, sozial und urban sei, so Andreas Möri. «Wir sehen die Gemeinde als etwas Grösseres und richten uns auch an jene Leute, die nie einen Gottesdienst aufsuchen.» Möri bezeichnet die Aufnahme des Forums für Zeitfragen, des Bildungszentrums der Reformierten Kirche Basel-Stadt, im Zwinglihaus als Glücksfall. Heute ist Andreas Möri als Gemeindepfarrer und Studienleiter tätig. Mit dem Projekt religionen-lokal hat sich das Zwinglihaus für den interreligiösen Dialog geöffnet. Andreas Möri bezeichnet die Umstellungen als gelungen. «Auch wenn die Kirche an Bedeutung verliert, werden die Menschen weiterhin nach Sinn im Leben suchen.» Für diese wolle das Zwinglihaus offen sein.

Lukas Kunderts Voten knüpften an den heutigen Megatrends an. Die Abnahme der reformierten Bevölkerung in Basel führt der Präsident der Evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt auf den demografischen Wandel zurück. Die Reformierten hätten zu wenig Kinder und könnten kaum von der Zuwanderung profitieren. «Auch ohne Kirchenaustritte hätte die Anzahl der Reformierten in Basel von 140'000 auf 50'000 Mitglieder abgenommen.» Heute leben 27'000 Reformierte in Basel. Für die Kirche heisse dies, dass sie mit viel weniger Geld auskommen muss.

Kundert sieht drei Aspekte, wie sie diesem Wandel begegnen kann: Die Kirche müsse unternehmerischer und vielfältiger werden und sich auf neue Milieus ausrichten. «Und sie muss Herzen und Freundschaften gewinnen und nicht nur auf Spender und neue Mitglieder zielen.» Lukas Kundert glaubt, dass das Institutionelle in der Kirche in der Zukunft verschwinden werde, da aber, wo Jesus wirkt, werde Kirche weiterhin spürbar sein und wachsen. Hans Goldenberger stimmte dem zu: «Vieles, was wir machen, spiegelt wider, dass die Kirche lebt.»

Tilmann Zuber