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Kultur

Wenn der Vater in die WG des Sohnes zieht

Wenn der Vater in die Kommune des Sohnes einzieht, läuft etwas falsch. Bloss was? Der Film «Lasst die Alten sterben» des Berner Regisseurs Juri Steinhart erzählt von der Schwierigkeit erwachsen zu werden, von Neo-Revoluzzern und Eltern, die es zu gut mit ihren Kindern meinen.

Nach der Filmpremiere im Berner Kino Rex stehen sie herum – sie, die so alt sind wie der Vater des Protagonisten Kevin. Und man ist sich einig: Man hätte seinen Kindern mehr Widerstand bieten müssen. Nicht nur nein sagen, sondern vor allem beim Nein bleiben.

Doch auch viele Junge sind da: die Filmcrew, die Darstellerinnen, ihre Freunde. Und auch hier ist man sich einig: Da wächst eine tolle Generation heran. Leute, die etwas wollen und viel zu bieten haben. Juri Steinhart gehört dazu. Zehn Jahre lang arbeitete an seinem Film, der die ewig aktuellen Fragen stellt: Wer bin ich, und wie will ich leben?

«Hässig» auf alles
Der junge Kevin (Max Hubacher) will «hässig» sein, wütend auf die Welt, auf die Eltern, einfach auf irgendetwas. Sein Medikament, das ihm das Lernen erleichterte, hat er abgesetzt, und ohne Ritalin ist er nun endlich ganz sich selbst: voller Energie und bereit, ins Leben zu starten.

Seine liberalen Eltern meinen es gut mit ihm, freuen sich, dass er in eine Kunstschule aufgenommen wurde, doch sie verstehen ihren Buben nicht mehr. Kevin schmeisst sein Handy weg, wird Revoluzzer-Punk und gründet mit seinen Kumpels eine Kommune: ohne Computer und Social-Media, mit geklautem Essen, freier Liebe und Drogen.

Vom Vater überholt
Eine WG im Stil der 80er-Jahre, genauso wie Kevins Vater (Christoph Gaugler) es seinerzeit tat. Kein einfaches Zusammenleben, aber so richtig schwierig wird es für den Jungrevoluzzer erst, als sein Vater, nachdem er von seiner Frau rausgeschmissen wurde, bei ihm einzieht. Der Ex-Achtziger findet die Kommune der Jungs «ein super Projekt» und tut, was er schon dreissig Jahre vorher tat: Er plädiert für den Mut zur Nacktheit. Und so sitzen denn alle splitterfasernackt im Wohnzimmer, rauchend, redend, küssend.

Kevin fühlt sich rechts überholt. Aus seiner Wut droht depressive Starrheit zu werden. Doch Vater Bernhard hat die rettende Idee: Die Alten sind schuld! Sie leben im Wohlstand auf Kosten der Jungen. Und damit findet die Revolution endlich ihren Inhalt. Der Kampf kann losgehen.

Inszenierte Revolution
Der Film lebt von den durchweg hervorragenden Schauspielerinnen und Schauspielern, von der unmittelbaren Sprache, von der präzisen Kameraführung. Und die Frage, die er an alle Generationen stellt, ist unerwartet: was bringt diese Art, aufzubegehren? Die Selbstinszenierung der Konsum-Kids hat beinah etwas Rührendes. Doch auch die Revoluzzer-Punks der 80er wirken als ob sie sich selber spielten. Hauptsache dagegen – aber gegen was genau?

Im Publikum gehen die Gespräche zu den Themen nach dem Film weiter. Der Rotwein schmeckt nur halb, und die Älteren ziehen sich bald zurück, damit keiner sie fragt, ob das Leben, das sie derzeit leben, das ist, wofür sie seinerzeit gekämpft haben.

Katharina Kilchenmann, reformiert.info, 12. Oktober 2017