Die Wohngenossenschaft: «Wir sind vom Leben umgeben»
Chiara Iselin und Roger Nigg sind 2017 aus der Stadt Zürich in die Schaffhauser Villa Hornburg gezogen. Sie sind eine der vier Gründerfamilien der mittlerweile vierjährigen Wohnbaugenossenschaft Hornburg: «Wir sind als letzte Familie zum Projekt gestossen, haben jedoch mit den Initianten im Rahmen einer Gartenkooperative in Zürich zusammengearbeitet.» Dies habe den Boden für die heutige Lebensform geschaffen. «Wir konnten mit anderen an einem gemeinsamen Ziel und dennoch autonom arbeiten. Das hat uns zugesagt», erläutert Roger Nigg. «Wenn man den Alltag mit anderen gemeinsam strukturiert, kann man ihn besser bewältigen.» Das gilt besonders für die Corona-Zeit: «Wir erleben hier keine Einsamkeit, sondern sind vom Leben umgeben. Wir schätzen den Austausch, können uns aber in die eigenen vier Wände zurückziehen und die Tür hinter uns schliessen.»
Die Hornburg verfügt über ein Haupthaus, eine ausgebaute Remise und einen ausgebauten Bauwagen. Auf dem Gelände leben vier Familien plus drei Mieterinnen, also insgesamt elf Erwachsene, zehn Kinder, ein Hund, eine Katze und vier Hühner. Jede Familie hat eine eigene Wohnung und nutzt die Gemeinschaftsräume. Besonders die grosse Küche und den Essraum: «Mehrmals pro Woche essen wir hier gemeinsam. Eine Person kocht dann für alle», sagt Chiara Iselin.
Tochter Emilia ist mit zwei Jahren eines der jüngsten der Hornburg-Kinder, ihre siebenjährige Schwester Matilda das älteste. «Die älteren Kinder realisieren, dass sie anders leben als ihre Schulkameraden», sagt Roger Nigg. Die Kinder können sich im grossen Garten austoben oder im Haus zusammen spielen: «Sie haben immer Gesellschaft, können sich aber auch in ihre eigenen Zimmer zurückziehen. Schon die jüngsten wissen, wo die anderen Kinder zu finden sind.» Alle Erwachsenen sind wichtige Bezugspersonen: «Die Kinder lernen dadurch verschiedene Erziehungsstile kennen. Das empfinden wir als bereichernd.»
Chiara Iselin arbeitet als selbstständige Hörfilmautorin und Übersetzerin viel von zu Hause aus. Ihr Mann pendelt als Fotograf und Arbeitsagoge für junge Erwachsene viermal pro Woche nach Romanshorn. Andere Hornburg-Mitglieder sind in Zürich, im Kanton Aargau und in Schaffhausen tätig. Anfangs wurde die Kinderbetreuung unter den Familien organisiert. Die Lust am gemeinschaftlichen Wohnen müsse gegeben sein für ein Leben in der Wohnbaugenossenschaft. «Das funktioniert nur, wenn ein Grossteil Teilzeit arbeitet.»
Konflikte werden ausdiskutiert
Alle zwei Wochen setzen sich die Bewohnerinnen und Bewohner zusammen: «Wir besprechen alles, von der Montage der Katzenschleuse bis zum gemeinsamen Haushaltskonto.» Konflikte werden ausdiskutiert: «Jeder kann offen sagen, was er denkt, da besteht viel gegenseitiges Vertrauen.» Die Kerngruppe habe sich in den vergangenen vier Jahren gefestigt. «Wir alle investieren viel Energie, Arbeit und finanzielle Mittel, um Haus und Gelände nach unseren Bedürfnissen zu gestalten. Das schweisst zusammen», sagt Roger Nigg. Und er erklärt: «Bei aller Individualität zeigt sich eine ähnliche Haltung, wie zum Beispiel bei der Wahl der Lebensmittel oder dem Entscheid, momentan kein eigenes Auto zu besitzen.»
Mit den Jahren könnte sich die Hornburg stärker vom Mehrfamilien- zum Mehrgenerationenprojekt entwickeln: «Wir behalten die Idee im Hinterkopf, gerade auch, weil viele von uns Eltern haben, die in der Nähe leben.»
Adriana di Cesare, Kirchenbote, 28.4.2021
Die Wohngenossenschaft: «Wir sind vom Leben umgeben»