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Einsatzpolizei Schaffhausen

«Notfallseelsorge ist immer hilfreich»

von Carmen Schirm-Gasser
min
27.03.2025
Die Einsatzpolizei Schaffhausen meistert täglich herausfordernde Situationen. Gruppenleiter Daniel Müller berichtet über die wichtige Rolle der Notfallseelsorge sowie seine persönlichen Erfahrungen im Dienst.

Herr Müller, wie viele Einsätze haben Sie am Tag?

Das ist schwierig zu sagen. Wir sind quasi die Feuerwehr der Schaffhauser Polizei: einerseits auf der Strasse, gleichzeitig rücken wir auf alle Meldungen hin aus, die bei der Polizei hereinkommen. In der Regel läuft von morgens bis abends immer irgendetwas.

In welchen Fällen rufen Sie einen Notfallseelsorger hinzu?

In Fällen, in denen wir Notfallseelsorger beiziehen, müssen wir zu 95 Prozent eine Todesnachricht überbringen oder die Nachricht, dass aufgrund eines Verkehrsunfalls jemand schwer verletzt wurde. Manchmal wird ein Kind vermisst, und die Eltern haben grosse Angst. Die Menschen, zu denen wir gehen, befinden sich meist in aussergewöhnlichen Umständen, sehen oft Bilder, die zu Erschütterung führen können. Es kann auch passieren, dass wir Polizisten aufgrund einer Polizeiaktion als Feindbild angesehen werden und quasi die falsche Ansprechperson sind.

Zum Beispiel?

Einerseits können überraschende Polizeiaktionen Reaktionen bei Personen auslösen. Andererseits ist man als Überbringer einer schlechten Nachricht manchmal der Sündenbock. Das ist allerdings eine normale Reaktion, und wir nehmen dies den Betroffenen nicht übel.

Ist der Notfallseelsorger eine Entlastung für Sie?

Notfallseelsorger sind für uns immer eine Entlastung. Es fehlt uns vielmals die Zeit, mehrere Stunden bei jemandem zu bleiben, da es meist noch andere Aufträge gibt, denen wir nachgehen müssen. Wenn etwa ein Verkehrsunfall noch nicht abgeschlossen ist, die Bergung von Fahrzeugen noch läuft oder die Personen- und Spurensicherungen gemacht werden müssen.

Gibt es ein Erlebnis, das Sie in all den Jahren hatten, das Ihnen speziell in Erinnerung geblieben ist?

Ich musste zu einer Familie ausrücken, deren Tochter sich in ihrem Zimmer das Leben genommen hatte. Das war einerseits für die Familie sehr grausam, aber auch für mich war die Situation sehr belastend. Gleichzeitig musste die Situation gemanagt werden. Zum einen lag eine leblose Person im Raum, zum andern kämpfte gleichzeitig die Ambulanz um das Leben der Person. Alles spielte sich auf sehr engem Raum ab und hatte eine grosse Dynamik angenommen. In diese Situation kamen die Eltern hinzu, in absolut aufgelöstem Zustand. Als Polizist musste ich Fragen stellen, die die Familie in diesem Moment gar nicht beantworten wollte ...

… und dann kam der Notfallseelsorger

Der Notfallseelsorger, der kam, war wirklich ein grossartiges Auffangbecken für alle. Gerade auch, weil ich die Familie immer wieder allein lassen musste, was man zwar nicht möchte, aber man hat fast keine Wahl, da man überall sein muss. Der Notfallseelsorger nahm die Familie in einen anderen Teil des Hauses mit. Er machte Kaffee, sprach mit jedem Einzelnen und konnte die Leute in ihren verschiedenen Nöten ernst nehmen, die alle komplett anders reagierten. Ich konnte dazwischen zu der Familie zurückkommen, meine Fragen stellen und mit gutem Gewissen zurück zur Ambulanz gehen.

Was sind die Rückmeldungen der Hilfesuchenden?

Notfallseelsorge ist immer sinnvoll. Die Menschen sind froh, wenn jemand in so schwierigen Momenten vorbeikommt. Das Spezielle an der Notfallseelsorge im Kanton Schaffhausen ist ja, dass ein evangelischer Pfarrer oder ein katholischer Priester kommt, also jemand, der mit der Kirche verbunden ist. Im Moment der Hilfestellung ist allerdings die Religiosität nicht das vorrangige Thema. Das primäre Ziel ist, zu helfen, zuzuhören oder praktische Hilfe zu geben. Der Notfallseelsorger ist nicht dazu da, monatelange Hilfestellung zu bieten, sondern um in einem ersten Moment da zu sein und um Lösungen zu finden, wie es weitergehen kann.

Ist es für die Hilfesuchenden ein Thema, dass der Seelsorger von der Kirche kommt?

Ich habe noch nie erlebt, dass jemand genauer nachgefragt hat, wer kommt, oder Hilfe abgelehnt hat aufgrund des kirchlichen Kontextes. Das ist eigentlich nie ein Thema. Die Leute sind froh, wenn jemand kommt, der ihnen helfen kann.

Haben Sie eine Erklärung für sich gefunden, wie es so viel Leid und Schrecken geben kann? Wie gehen Sie damit um?

Eine Erklärung dafür habe ich nicht. Es ist jedoch auch nicht mehr so, dass ich mir über all diese Erlebnisse Gedanken mache. Ich weiss, es kann immer und jederzeit jedem Menschen etwas passieren, was das gesamte Leben über den Haufen wirft. Ich habe gesehen, dass Eltern hier und jetzt sterben können, dass Unfälle passieren und sich Dinge ereignen, die alles verändern. Vor diesem Hintergrund bin ich dankbar für jeden Moment, den ich habe und den ich geniessen darf. Ich bin mir dessen bewusst, dass alles im Leben ein Geschenk ist und nichts selbstverständlich. Egal, wie fest ich mich an irgendetwas festhalten will: Ich habe es nicht in der Hand. Für mich ist es ein riesiger Gewinn und eine Befreiung, zu wissen, dass ich nichts im Leben unter Kontrolle habe.

Glauben Sie an Gott?

Ja, ich glaube an Gott.

 

Notfallseelsorge

Notfallseelsorger unterstützen die Polizei bei ihren Einsätzen. Jeder Polizist hat die Möglichkeit, via Funk oder die Zentrale einen Notfallseelsorger aufzubieten. Dieser wird von der evangelisch-reformierten Kirche und der katholischen Kirche gestellt.

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