Vom Pessachfest zum Abendmahl
Millionen Christen brechen in den Gottesdiensten das Brot und trinken den Wein. All diese Feiern gehen zurück auf das letzte Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern am Vorabend des Pessachfestes einnahm. So berichten es die Evangelien.
Das Pessachfest dauert acht Tage und wird im jüdischen Frühlingsmonat Nisan gefeiert. Während dieser Zeit dürfen keine «gesäuerten» Speisen verzehrt werden. Nichts Gesäuertes darf sich im Haus befinden. Dies hat Symbolkraft und erinnert an die Zeit, als den Juden beim Auszug aus Ägypten keine Zeit blieb, den Brotteig säuern zu lassen. Deshalb essen gläubige Juden an Pessach nur ungesäuertes Brot, sogenannte Mazza. Religionshistorisch können diese Fladenbrote in Verbindung mit dem Brot gebracht werden, das im christlichen Abendmahl geteilt wird.
Alles in Ordnung: «beseder»
Nach dem Besuch der Synagoge essen die Feiernden am Sederabend (hebr. beseder = in Ordnung), dem Hauptabend des Pessachfestes, im Kreise der Familie. Dabei werden Speisen mit symbolischer Bedeutung aufgetischt. Der Sederleiter rezitiert die Pessachliturgie und erklärt den Sinn der Nahrungsmittel.
Auf dem Sederteller liegt ein hartgekochtes Ei, das an die Tempelzerstörung erinnert. Das Charosset, ein Fruchtmuss mit Nüssen, symbolisiert den Mörtel, mit dem die Israeliten als Sklaven die ägyptischen Stätten bauen mussten. Auch das Lamm spielt eine zentrale Rolle auf dem Sederteller. Als der Todesengel der Überlieferung nach Ägypten heimsuchte, verschonte er nur die Erstgeborenen der Israeliten. Diese hatten ihre Türpfosten zuvor mit Lammblut kenntlich gemacht.
Ein Fest der Identität
«Ich habe viele Erinnerungen an den Sederabend», erzählt eine jüdische Freundin. Es seien vor allem Kindheitserinnerungen: «Meine Mutter hat Wochen zuvor mit den Vorbereitungen begonnen. Ein paar Tage vor dem Fest kamen einige für den Feiertag eingeladenen Frauen zu uns, und wir kochten ein paar Mahlzeiten im Voraus.»
Die Freundin verbringt den Sederabend seit mehreren Jahren mit ihrer Familie bei ihrer Schwägerin in Jerusalem. Bei diesem Fest lerne sie die Verwandtschaft kennen, erzählt sie. «Wir feiern nicht nur einen fröhlichen Abend und erzählen uns, was in den letzten Jahren alles passiert ist, sondern denken auch an den Auszug aus Ägypten.» Auf dem Tisch liegt eine Platte mit kleinen Häppchen in Schälchen, die an die schwere Zeit für die Israeliten erinnern. Zum anderen symbolisieren die Speisen den Frühlingsanfang», erklärt Orli. «Die Gebete und Lieder in der Haggadah führen uns durch den Sederabend.»
Manchmal gibt es an diesen Essen kleine Aufführungen oder ein Quiz. Während des Abends verstecken die Kinder den Afikoman, einen Teil der Mazzot, den man als Dessert benötigt. Der Sederleiter findet es meist nicht, mit Absicht», schmunzelt die Freundin. «Dann können die Kinder für den Afikoman Geschenke verlangen.»
Vier «Freudenbecher»
Während des Sederabends trinkt man zeremoniell vier Gläser Wein. Diese «Freudenbecher» erinnern an die vier Heilstaten, die Gott seinem Volk erwiesen hat: Gott führte und errettete die Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei, erlöste sie und nahm sein Volk an. In manchen Traditionen stellt die Tischgemeinschaft einen Weinbecher für den Propheten Elija bereit, der den Messias ankündigen wird.
Sinn stiftendes Ritual für eine neue Religion
Das Brot, das Jesus brach und als seinen Leib an die Jünger verteilte, war vermutlich das ungesäuerte Mazze-Brot. Der Kelch mit dem Blut Christi ähnelt dem messianischen Becher. Das Pessachlamm wird mit Christus als Lamm in Verbindung gebracht, der sich für sein Volk opferte. Wie das Sedermahl beinhaltet das frühchristliche Abendmahl Deuteworte zu den Speisen, ein Dankgebet und einen Segensbecher. Auch in der traditionellen Osterliturgie gibt es Bezüge zum jüdischen Pessachfest: In der Osternachtfeier wird an den Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnert. Seit rund 2'000 Jahren sind die beiden Traditionen so miteinander verbunden.
Amarone zum Abendmahl
Ausserdem: Inzwischen hat die Wissenschaft geklärt, welchen Wein Jesus und die Jünger beim letzten Abendmahl tranken. Zwar konnte man die Traubensorte nicht eruieren, aber geschmacklich dürfte der Wein dem Amarone nahekommen. Wie die norditalienischen Winzer trockneten auch die Weinbauern im antiken Palästina die Trauben auf Strohmatten, bevor sie sie kelterten. Um den Wein haltbar zu machen, wurde er mit Harzen gemischt, sowie mit Granatapfel und Zimt aromatisiert.
Prost, auf das Leben: Le’Chaim!
Noemi Schürmann, kirchenbote-online.ch, 16. Juli 2018
Vom Pessachfest zum Abendmahl