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Im Schatten des Nahostkonflikts

Weltgebetstag unter Druck

von Tilmann Zuber
min
28.02.2024
Eigentlich sollte der Weltgebetstag ein Tag des Friedens sein. Eigentlich. Doch in diesem Jahr schlägt sich der Konflikt zwischen Israel und Palästina schon im Vorfeld des 1. März nieder. Denn die Liturgie stammt von Palästinenserinnen.

Die Liturgie für den Weltgebetstag 2024 wurde von christlichen Palästinenserinnen verfasst. Schon vor den Terroranschlägen der Hamas am 7. Oktober sei man sich dessen bewusst gewesen, wie heikel und kompliziert die Situation in Israel und Palästina sei, erklärt Vroni Peterhans, Präsidentin des Weltgebetstags Schweiz. Deshalb habe man jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Die Texte sprechen nicht von Palästina, sondern von Palästinenserinnen. Für die Feiern in Deutschland, Österreich und der Schweiz habe man das eigene Motto «... durch das Band des Friedens» gewählt. Man wolle den Frieden in den Mittelpunkt der Feiern stellen und bete deshalb nie für ein Land oder eine Politik, sondern für die Menschen.

 

In 170 Ländern

Der ökumenische Weltgebetstag (WGT), der am ersten Freitag im März in 170 Ländern gefeiert wird, ist eine -globale von Frauen initiierte Friedensinitiative. Weltweit geht sie zurück auf die Zeit nach den Schrecken des Ersten Weltkrieges. Das Gebet der Christinnen sollte künftige Kriege verhindern und Frauen verschiedener Konfessionen zusammenführen. Der WGT stellt jedes Jahr ein anderes Land in den Mittelpunkt. Frauen aus dem jeweiligen Land gestalten die Liturgie.

 

«Empfehlungen» zur Liturgie

Der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) gehen diese Eingriffe des WGT-Komitees in die Liturgie zu wenig weit. Sie hat eine Handreichung zur Unterstützung der Kirchgemeinden herausgegeben. «Einige Passagen der Liturgie können vor dem Hintergrund der aktuellen Situation im Nahen Osten zu Spannungen führen», schreibt die EKS. Sie empfiehlt deshalb, den Begriff «Nakba» in der Liturgie des WGT möglichst zu vermeiden. «Nakba ist ein politisch aufgeladener mehrdeutiger und missverständlicher Begriff.» Der Unabhängigkeitstag Israels werde von palästinensischer Seite «Nakba» (die Katastrophe, das Unglück) genannt. Die EKS befürchtet, dass der Begriff in der aktuellen Situation in Gaza mit einer «generellen Infragestellung der Existenz des Staates Israel» verbunden werden könnte. Ebenso empfiehlt die EKS gerade «mit Blick auf die aktuellen Konfliktherde und das damit verbundene Leid der palästinensischen, aber auch der israelischen Bevölkerung, das Gebet nicht zu instrumentalisieren».

Dem Kirchenbund fehlt der Mut, eine eigene Position einzunehmen.

Spannungsfeld in der Schweiz

Die Handreichung der EKS stösst auf Kritik. «Die Stimme der palästinensischen Christinnen wird dem Narrativ Israels untergeordnet», sagt Samuel Jakob gegenüber der WOZ. Jakob ist Psychologe und langjähriger Mitarbeiter der reformierten Landeskirche des Kantons Zürich. Er vermisst auch eine klare Positionierung der reformierten Landeskirchen für ein Ende des Krieges in Gaza. Jakob: «Dem Kirchenbund fehlt der Mut, eine eigene Position einzunehmen.»

Ein Abend in der Paulus-Akademie in Zürich widmete sich kürzlich dem Spannungsfeld des diesjährigen WGT. Eingeladen war die in Bethlehem geborene Theologin und palästinensische Friedensaktivistin Viola Raheb. Raheb lebt heute in Wien. Sie beklagte, dass die Weltöffentlichkeit nur dann in den Nahen Osten blicke, wenn dort Krieg herrsche, ansonsten verliere sie das Interesse. So könne man keine Lösung für den seit mehr als hundert Jahren andauernden Konflikt finden. Der grausame Terroranschlag vom 7. Oktober kam für Raheb nicht überraschend, das Ganze sei nicht im luftleeren Raum geschehen, man müsse es aus der Geschichte heraus verstehen.

Leid ist nicht vergleichbar

Den Nahostkonflikt sieht Raheb als Produkt der europäischen Kolonialgeschichte, die das ehemalige Osmanische Reich in jüdische und arabische Staaten geteilt habe. «Bis heute massen sich Europäer die Deutungshoheit über die Geschichte der Palästinenser an und hindern sie daran, über ihre eigene Geschichte und Vergangenheit zu sprechen.» Von den eigentlichen Zusammenhängen wolle man im Westen nichts wissen. Sie rief dazu auf, Leid nicht gegen anderes Leid aufzurechnen und Empathie zu zeigen, statt zu verurteilen. «Jedes Leid ist einzigartig, und Leiden macht nichts besser.» Raheb bedauerte, dass heute kaum noch jemand über Visionen von einem Land spräche, in dem sich alle sicher und wohl fühlten. Solche Visionen habe es in den 1950er-Jahren gegeben.

Die Perspektive des Zuhörens, ohne zu verurteilen, steht im Vordergrund.

«Durch das Band des Friedens»

Für Vroni Peterhans geht es beim Weltgebetstag nicht darum, Partei zu ergreifen, das Gebet für den Frieden gelte allen Betroffenen. Das Motto des Weltgebetstages sei «informiert beten und betend handeln». Diese Perspektive des Zuhörens, ohne zu verurteilen, stehe im Vordergrund. «Deshalb unterstützen wir keine Partei, und das diesjährige Motto lautet in Anlehnung an den Epheserbrief ‹Durch das Band des Friedens›». Dort heisst es: «Ertragt einander in Liebe, bemüht euch, die Einheit des Geistes zu bewahren durch das Band des Friedens.»

 

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